An sich nur ein Spaziergang
Es ist tiefe Nacht. Man sieht Sascha Helmer wie immer gut und teuer gekleidet, ein Gentleman wie aus dem Katalog, natürlich mit Hut, der gut gekleidete Mann trägt nun mal Hut, die Allee, die vom Jröne Jong zum Schloss Jägerhof führt im Licht der Neonleuchtbänke in Richtung des Schlosses schlendern. Doch plötzlich ist er verschwunden.
Am nächsten Tag zur Mittagszeit steht er, modisch ganz Mailand, nicht weit davon entfernt an der Haltestelle Marienhospital auf der Duisburger Straße. Er steigt in die Linie 722, die zum Messegelände fährt, wo gerade eine große internationale Messe, die größte ihrer Art auf der Welt, stattfindet. Die Nacht hat er auf der Kapellstraße in dem Büro einer Immobilienfirma, die der Scientology nahe steht, verbracht, wie später herausgefunden wurde. Er verlässt den Bus am Nordfriedhof und geht, ohne sich umzuschauen, durch das eiserne Tor an der Kapelle vorbei, um kein Grab besonders beachtend und doch ganz aufmerksam die Gräber, die Grabsteine mit ihren Inschriften, den Pflegezustand der Gräber und die wenigen Leute, die oft Blumenkelle und Gießkanne tragend zwischen den Bäumen und Gräbern zu sehen waren, wahrnehmend auf verschlungenen Wegen scheinbar ziellos über das Gräberfeld.
Es dauert eine geraume Zeit, bis er den Friedhof wieder verlässt und in die Linie 721, die zum International Airport Düsseldorf fährt, steigt. Was sollte der Aufenthalt auf dem Friedhof? Wollte er jemanden abschütteln, der ihn beobachtet und verfolgt haben könnte? Wohin mag er fliegen?
Er wird nicht fliegen. An der Haltestelle ‚Rotes Haus’ steigt er als Einziger aus dem Bus. Dort ist kein rotes Haus. Dort ist Niemand. Ein vergessener Teil der Stadt. Nichts als Grün rechts und links der Straße.
Er macht ein paar Schritte auf ein Gartentürchen zu, bleibt aber wieder stehen, betrachtet den wilden Kerbel, die Taubnesseln, das Schöllkraut, die Brombeeren und die Brennnesseln, die dort wachsen,
schaut hoch und entdeckt einen namenlosen Fußweg, der im rechten Winkel zu Straße irgendwohin führt. Der Weg ist mit sehr feinem Kies, dem fast schon für Sand halten könnte, bestreut. In regelmäßigen Abständen stehen Laternen. Zögernd wendet er sich dorthin, geht erst ein paar Schritte, als wolle er mal schauen, wo es da hin geht, schlendert dann aber, so kennt man es von ihm, wie auf der Allee auf das Schloss Jägerhof zu diesen Weg längs.
Für einen Augenblick wähnt er sich in den USA, stehen da doch drei große, mächtige, knorrige Robinien, wie er sie von seinem zweiten Zuhause her kennt. Dort kennt man ihn als Peter Hamilton. Das tut aber hier nichts zur Sache.
Doch dann triff er auf Waldkiefern, eine große Birke, einen Feldahorn, Bäume, die typisch für Europa sind. Der junge Gingko, den jemand auf die Wiese gepflanzt haben muss, irritiert ihn nun nicht mehr.
Er überquert den Zeisigweg mit unmerklich rascheren Schritten und schaut sich sehr aufmerksam die kleinen Häuser längs des Weges und das einzelne parkende Auto an und fällt dann wieder in seinen Schlendermodus zurück. Ein kurzer Blick auf seine 500 € teuren Schuhe, die solchen Untergrund nicht gewohnt sind. Diese, seine Kleidung und sein Hut passen nicht so recht in diese Umgebung, muss er sich eingestehen.
Den Sperlingsweg sah er schon von weitem, wobei ihm die Gardinen auf der oberen Etage des Eckhauses, die nur zwei als Sehschlitze zu interpretierende Öffnungen ließen etwas beunruhigen schienen.
Die trockenen, toten Äste der Kiefer vor ihm machten die Sache nicht heiterer. Was war das Weiß verpackte hinter der Mauer?
Umso gespannter schaute er den Sperlingsweg rauf, als er diesen überquerte. Wer war der Mann da an dem Mercedes S-Klasse. Wieso lehnte der ausgerechnet jetzt auf der geöffneten Wagentür? Das kleine grüne Auto in der Einfahrt. Saß dort jemand im Wagen? War es startbereit? Was bedeutete die Baustelle in dieser verschwiegenen Straße? Schaute da vielleicht eine Kamera aus der nicht ganz geschlossenen Mülltonne?
Auf dem Sperlingsweg zur anderen Seite schaute er auf ein weiß getünchtes Häuschen, dessen Dach mit blauen Ziegeln gedeckt war. Das sollte wohl eine Reminiszenz an Azulejos auf spanischen und portugiesischen Gebäuden sein, überkam es Sascha Helmer. Sascha Helmer lächelte. Die urdeutsche Nachkriegsarchitektur schien ihm wenig dazu zu passen. Ein Hauch Las Vegas mit seinen Geschmacklosigkeiten wehte einen Wimpernschlag lang durch sein Hirn und er vergaß für einen Augenblick, in welcher Situation er sich befand.
Das sollte sich schlagartig ändern, als er auf diesem Weg, auf dem nicht mal Hunde ausgeführt wurden, einem drahtigen alten Herrn mit nach hinten gekämmtem, schütterem, weiß-grauem Haar in rentner-beiger und hellgrauer Kleidung und grauen, vorne fein gelöcherten Schuhen mit federnden Gummisohlen begegnete, der ihn im Vorübergehen grüßte. Man grüßt sich auf so einsamen Wegen. Man begegnet sich nun mal wesentlich persönlicher als in der belebten Stadt.
Sascha Helmer wollte es wissen. Er sprach den Herren, der schon an ihm vorbeigegangen war entschuldigend an und fragte ihn, wo man hin gelange, wenn man diesen Weg immer weiter gerade aus ginge und bekam zur Antwort, am Ende befände sich die Kalkumer Straße. Dort fahre eine Straßenbahn. Sascha wollte das gar nicht wissen. Ihn interessierte viel mehr, ob das Deutsch, das dieser Mensch dort spricht, vielleicht einen Akzent aufweist. Er meinte, einen leichten amerikanischen Akzent feststellen zu können, war sich darin aber nicht sicher. Es beunruhigte ihn.
Den Starenweg schaute er sich, wobei er seinen schlendernden Schritt wohlweislich beibehielt, nach beiden Seiten hin genau an, konnte aber nichts Verdächtiges feststellen. Diese Fülle an Nadelgehölzen besonders solcher, die ungewöhnliche Färbungen auswiesen, seinen es blaue Stechfichten, welche die Leute euphemistisch ‚Blautannen’ nannten, blaue Zedern oder gelbe Scheinzypressen! Typisch für das beginnende Wirtschaftswunder, wo solche Monstren etwas Besonderes darstellen sollten und neben dem eigenen Häuschen, der Garage mit dem glänzend gepflegten Auto darin den erworbenen Reichtum demonstrieren sollten.
Dann begegnete ihm auf diesem verlassen Pfad diese schwarze Schönheit. Ein ultrakurzer weißer Mantel aus dem ellenlange, schlanke Beine in dunkelvioletten Leggins wuchsen, die sich über hellen, hochhackigen, teuren Schuhen selbst auf diesem Untergrund sehr wohl zu bewegen wussten. Sie lächelte ihn offen und ein wenig schalkhaft an und er einem amerikanischen Automatismus folgend lächelte sein charmantestes Lächeln zurück. Beide schauten sich nicht um, als sie aneinander passiert hatten.
Das war kein Zufall. Das konnte kein Zufall ein. So eine kommt hier nicht vor. So eine nicht. Sie gehörte dazu. Da war er sich fast sicher.
Der Meisenweg war nicht geeignet, ich in dieser Hinsicht zu beruhigen.
Auch die Gänseblümchenwiese, die er hinter den Tennisplätzen der ‚Tennisfreunde Düsseldorf’
vorfand, sagt ihm nur, dass hier regelmäßig gemäht wurde. Wild wachsende Wiesen, das wusste er, weisen eine weit höhere Diversifikation der Pflanzen, Blumen und Kräuter auf.
Der Weg hatte hier eine andere Form. Er war nicht mehr schnurgerade und anstatt Kies gab es Pflaster. Auf der rechten Seite sah man Schuppen und Gartenhäuschen eines Kleingartenvereins. Als dann dieser Opel Corsa langsam an ihm vorbeifuhr, obwohl hier Autos nicht fahren durften und 20 Schritt vor ihm hielt und der Mann ausstieg und zur Tarnung, davon war Sascha Helmer überzeugt, einen Korb mit Essbarem, eine Packung Toilettenpapier und einen Kasten Bier auslud, war er sich sicher, dass er selbst hier observiert wurde.
Dann dieses alte, fensterlose Haus!
Die nächste Straße, das Vogelviertel mit seinen Wegen hatte er verlassen, hieß ‚An der Golzheimer Heide’! Da stand solch ein Wohnmobil. Sicher vollgestopft mit modernster Elektronik. Was sollte er machen? Weitergehen. Was sonst?
Er bog ab in die Kehler Straße,
sah diesen Kreisverkehr, der kein Kreisverkehr war sondern eine kreisförmige Erweiterung der Straße, so dass dort mehr Grundstücke zur Verfügung stehen und mehr Häuser gebaut werden konnten, und darauf diesen Rasen von der Trostlosigkeit eines Golfplatzrasens. Gras in Monokultur. Das kostet, weil es allem widerspricht, was man von Gräsern weiß. Artifizieller geht’s nimmer mehr. Der Sieg des beschränkten und sich beschränkenden Menschen über das Leben.
Die Damaschkestraße interessierte in schon nicht mehr, wie sie so da lag. Ruhig, ruhiger, am ruhigsten. Mitten im Mittwoch.
Ein Blick in die Saargemünder Straße und auf die Bauten des Flughafens im Hintergrund.
Die Platterbse in dem verwilderten Vorgarten eines verlassenen Hauses auf der Eckener Straße sah er schon gar nicht mehr,
aber umso mehr diesen angeketteten Stuhl für einen Frosch. Frösche auf Stühlen mitten in Unterrath!
Dann diese Blumenbank mit den Regenrinnen als Pflanzgefäße. Das sollte wohl witzig sein. Sascha Helmer hatte schlechte Laune.
Da halfen auch die Maiglöckchen im Vorgarten nichts. Wir schreiben den 21. Mai. Da blühen Maiglöckchen nicht mehr!
Jetzt fehlte nur noch eine große Hausnummer auf einem Briefkasten, eine alte, dekorativ sein sollende Laterne, ein Besen, der die Reinlichkeit des Hauses demonstrierend an der Wand lehnt und ein mit Weinflaschen hellblau bemalter Dachziegel. So was! Ohne jeden Stil! Peinlich. Sascha Helmer dachte nur an Flucht und sein Schritt wurde länger. Hier kann man nicht schlendern, von Promenieren kann schon gar keine Rede sein.
Nun noch diese Hegenauer Straße. Verkehrsberuhigt. So ruhig, dass sie trotz Pflanzenbesatz tot ist. Sascha Helmer rannte und rannte und rannte und entkam so seinen Häschern. Mit allem hatten sie gerechnet, aber nicht damit, dass dieser stilbewusste Sascha Helmer jemals rennen würde und sich dabei möglicherweise seine Schuhe ruinierte und ins Schwitzen geriet.
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23. Mai 2008 at 18:22
Und so menschenleer. Ich kenn die Gegend ganz gut. Bislang hatte ich da noch nie ein ungutes Gefühl. Aber jetzt…
Sascha Helmer und Peter Hamilton kann ich leider nicht zuordnen. Überlege schon einen Weile. Was will uns der Autor mit den beiden Namen sagen? Vielleicht steh ich da aber auch auffem Schlauch.
23. Mai 2008 at 18:50
Man weiß wenig über Sascha Helmer. Man weiß nicht einmal, in welcher Lage er sich befindet, ja, nicht einmal, ob seine Lage begründet so ist, wie sie ist, oder ob er unter Vorstellungen leidet, die objektiv als nicht gegeben bezeichnet werden können. So ist auch ungewiss, ob er, als er ganz gegen seine Gewohnheit auf einmal rannte, vor realen Personen oder Mächten floh oder vor ihm immanenten Vorstellungen, denen er entkam, indem er plötzlich von seinen Prinzipien abweichend eine Art Wandel seiner praktischen Lebensführung vornahm und so eigenen Wahnvorstellungen durch eine ganz einfache körperliche Ertüchtigung die Spitze nahm. Auf nicht weiter geklärte Weise gibt es allerdings Berührung mit der Scientology. Das weiß man.
Man kann davon ausgeben, dass die Namen Sascha Helmer und Peter Hamilton keinen über die Benennung dieser Person hinausführenden Inhalt oder Sinn verkörpern.
10. Juli 2008 at 17:04
[...] du von Kohlenstofchemie hast. > > > > Oh, entschuldige das ich nicht unfehlbar bin, Schweizer. > dann solltest du aber anderen Leuten nicht zu sehr an den Karren > fahren. hehe, wieso, hast Du jetzt [...]
10. Juli 2008 at 18:28
Im Kreisverkehr, im Kreisverkehr
da weiß er mehr
Ja, warum hab’ ich jetzt?
Naja, hätte auch früher oder später sein können
Peter Hamilton und die Kohlenstoffchemie im Kreisverkehr, das ist so eine ganz spezielle Sache. Eingeweihte wissen warum.
27. August 2008 at 10:32
Ihre Geschichte fand ich toll, von einigen stilistischen Schnitzern abgesehen. könnte mir vorstellen, sie geprintet zu sehen. Beschäftige mich als Coach und Autor gerade mit dem Thema und suche daher Kontakt zu erfahrenen Schlenderern. Kontakten Sie mich, gerne telefonisch ( siehe Website)