Auf den Straßen von Paris (4)
Dienstag, 17. August 2010Ich stehe an der Theke des Bistros an der Petit Pont, Notre Dame im Rücken, fühle mich allein in der fremden großen Stadt, genieße es aber, das Alles mal sehen, fühlen, riechen zu können und eben hier im Bistro an der Petit Pont einen Roten zu trinken. Das ist etwas, wozu man sich erst einmal in den Arm kneifen muss. „Hallo Fatty“ höre ich eine weibliche Stimme, deren Besitzerin ich aus dem Bobbys kenne. Diese klettert auf den Barhocker neben mir und unterhält sich übers Wetter. Ja, auch in Paris ist es kalt im Winter. Kein: „Wie, Du bist auch in Paris“ kein: „Dass man sich ausgerechnet in Paris trifft“ kein: „Was machst Duuu denn hier?“. Es gibt also etwa Gleichaltrige, für die es so normal ist, sich in Paris rumzutreiben wie auf der Ratinger Straße in Düsseldorf. Ich kam mir sehr, sehr klein vor.
Wir Jungs hatten das so geregelt, dass Jeder machen konnte, was er wollte, wir uns nur zu einem bestimmten Zeitpunkt an einer bestimmten Stelle treffen mussten, um das Geld für den Tag zu verdienen. Das war dann meist in einer halben Stunde erledigt. Dass sich alle daran hielten, war ein absolutes Muss und da gab es keine Entschuldigung. Das klappte auch. So hatte jeder von uns eine Menge Zeit, sich in Paris auf seine Weise umzuschauen.
Ich fuhr einmal mit einer der Metrolinien bis zur Endstation in einen weit draußen liegenden Vorort. Fragt nicht, welche Linie das war und welches Arrondissement und welches Quartier. Ich staunte, weil ich etwas wieder erkannte. Das sah aus, wie die Bilder des versoffenen Utrillos. Die Farben, die Fensterläden, die Blechdächer, die roten Ziegeldächer, die Straßen. Ja, die Straßen erschienen in diesen verschwommenen Farben. Selten begegneten mir „Fremd“ und „Vertraut“ auf so engem Raum. Ich erinnere mich noch an die alte Dame, die in ihrem schweren, wärmenden beige-braunen Cape, zu dem sie aber einen hellen Strohhut trug, der mir eher zum Sommer zu gehören schien, vom Alter gebeugt am Stock ging und mir ein: „Ça va, Monsieur!“ entgegenhielt, das ich artig mit einem „Ça va bien, Madame“ beantwortete. Für Utrillo wären das ein paar Pinselstriche gewesen.
Oder morgens um 5:00h wenn die Lieferwagen im Laternenschein über das Kopfstein des Boul. Haussmann rattern. Das ist ein Paris eigenes Geräusch. Die Meisten schlafen aber die Stadt wacht auf. Der Duft des Morgens. Feucht moderndes Laub auf dem Glanz der Pflastersteine. Oder der Eiffelturm im Nebel. Die Spitze verschwindet im Grau.
Eines Abends streunte ich zusammen mit Menz durch unser Quartier, als uns eine Hübsche in einem dicken Pelzmantel grüßte, Küsschen rechts, Küsschen links. Der Mantel kleidete vorzüglich. Menz kannte sie und umgekehrt. Ich habe vergessen, worüber sie sich austauschten. Nicht vergessen habe ich, wie sie sich mir zuwendend den Mantel öffnete. Darunter trug sie nichts. Nicht mal ein Höschen und meinte: „Der Typ da“ und sie machte eine Bewegung mit dem Kinn in Richtung Menz „wollte par tout nicht mit mir ficken. Dabei fickt der sonst jedes rostige Ofenrohr.“ ‚Paris, die Stadt der Liebe’, fiel mir dazu ein.
Und dann diese Eckkneipen mit ihren langen Theken, viel Platz für’s Volk und kaum Stühle, die über eine Tabac-Lizenz verfügten und in denen ich meine Gauloises kaufte und schon mal einen Kaffee trank. Fast immer wurde solch ein vor allem von Männern bevölkertes Lokal von einer älteren, dick geschminkten Frau im Publikum regiert. Diese Frauen weit über 50 hatten sich nicht weggeschmissen sondern waren und sind es vielleicht noch, ich war lange nicht mehr da, ein Innbegriff der Weiblichkeit. Prachtweiber mit Befehlsgewalt.
Panthéon, Arc de Triomphe, Eiffelturm, Montmartre mit Sacre Coeur, Louvre (die Pyramide gab es noch nicht) und sonst so Einiges habe ich mir von außen angesehen aber die Halles Centrales, den Bauch von Paris, die gab es noch, die habe ich mir genauer angesehen. Riesig, überwältigend, faszinierend. Man sagte, Alles, was in Frankreich gegessen wird, wird dem Codex des Zentralstaats folgend erst einmal nach Paris in die Hallen transportiert und von dort dann wieder über das Land verteilt. Ob das so stimmte, weiß ich nicht. Sicher aber ist, dass Paris besser versorgt wurde als andere Regionen. Eine so große, alte sich dazu ständig wandelnde Stadt hat soviel anzubieten, dass man nur erschlagen ist. Das auch zwischen den Jahren, einer Zeit, in der Paris eher ruhig und leer ist. Außerdem gab es ja noch die täglichen Treffen mit meinen Kollegen und nicht zu vergessen meine Studentin. Der Montmartre hat mich dazu bewegt, meine Aufmerksamkeit nicht weiter auf die üblichen Touristenattraktionen zu richten. Die Künstler und ihre Bilder dort waren eine heilsame Enttäuschung.
Die Kollegen wurden immer mehr zum Problem. Die lehnten es ab zu schlafen. Stattdessen gab’s Preludin. Sie schliefen nicht, aßen nur wenig und wenn dann komisches Zeugs, waren bleich und schwer ansprechbar und zum Schluss kotzten sie Galle. Sie meinten, die kurze Zeit bis zum Letzten nutzen zu müssen, um Paris zu erleben. Ich hatte das Gefühl, dass sie einem Phantom nachjagten. Es war nicht Paris, was sie erlebten und dem sie nachjagten, es war ihre Vorstellung von Paris, die sie verifiziert sehen wollten, was aber nicht gelang, weil Paris nicht so war, wie sie sich Paris vorstellten. Für das Offensichtliche und Neue waren sie verschlossen. Die Musik und die Art unserer Straßenauftritte litten darunter. Musik machen war jetzt eine lästige Pflicht. So kann man kein Publikum begeistern. Die Einnahmen wurden geringer.
Da war es gut, dass der Tag der Abreise kam. Ein letztes Frühstück in unserem Stammcafé, dann sortierten wir uns und unsere Instrumente in den kleinen 12 PS 2CV. Los ging’s. Es war ein Gefühl der Hilflosigkeit, als ich auf die Bremse trat und das Autochen einfach weiter fuhr. Ich konnte treten wie ich wollte. Die Bremsen funktionierten nicht. Die Handbremse hatte schon lange ihren Dienst aufgegeben. Das wusste ich. Damit konnte ich leben. Mit Glück brausten wir über die erste Vorfahrt habende Querstraße. Ich ließ den Wagen ausrollen. Motorhaube auf und siehe, der Glastopf, der die Bremsflüssigkeit enthielt, war zerdeppert.
Es gab antideutsche Ressentiments in Frankreich. Die Motorhaube beim 2CV war nicht gesichert. Sie konnte von jedem jederzeit geöffnet werden. Es war ein Leichtes, den kleinen Glasbehälter zu zerstören.
Was machen? Es war Sonntag und einer von uns musste Montag seinen Job erfüllen. Wir fragten, ob und wo in Paris es eine Werkstatt gibt, die sonntags arbeitet. Ja, das gab’s. In einem ziemlich weit entfernten Arrondissement.
Uns blieb keine Wahl. Wir mussten es versuchen. Wer sehen will, wie voraussehendes Fahren aussieht, der hätte uns beobachten müssen. Grüne Ampeln in der Ferne waren rote Ampeln. Also die Geschwindigkeit soweit zurücknehmen, dass dort wieder Grün ist und dazu die Autos vor der roten Ampel wieder angefahren waren. Bloß nicht auf den Place de la Concorde! Bloß nicht. Wir eierten ziemlich orientierungslos durch Paris. Und was tauchte vor uns auf? Der Place de la Concorde. Der ist für Fremdlinge schon mit Bremsen am Auto keine einfache Sache, jetzt aber galt es, ihn ohne die Möglichkeit zu bremsen, zu bewältigen. Also rein. Man kann doch mit dem Motor bremsen. Ja, das stimmt. Doch das gilt nur begrenzt für den 2CV dieser Zeit. Der verfügte nämlich über eine so genannte Fliehkraftkupplung. Was das ist? Das ist eine Kupplung, die sich bei niedrigen Drehzahlen trennt. Bei Fahrt in den ersten Gang runterschalten ging ebenfalls nicht. Der war nicht synchronisiert. Wer uns beobachtet hätte, hätte gesehen, wie sich bei einem schleichend langsam dahinfahrenden 2CV hin und wieder alle vier Türen halb öffneten und sich vier Beine aus dem Auto streckten und die daran befestigten Schuhe über das Pflaster scharrten und so den Wagen zum Stillstand brachten. Es sei, wie es sei oder es war, wie es war. Wir überlebten den Place de la Concorde.
Doch meine Nerven waren dahin. Ich hatte keine Lust mehr, die einzige offene Werkstatt irgendwo im riesigen Paris zu suchen. Ich wollte hier raus. Raus! Ab in Richtung Osten. Eine breite gerade Straße, auf der man weit gucken konnte. Endlich lichtete sich der Wall von Häusern rechts und links. Schilder wiesen auf entfernte Städte hin. Ich wagte Geschwindigkeiten von bis zu 60 km/h. Ampeln waren fast einen Kilometer weit zu sehen.
Eine Tankstelle! Hoffnung. Wir tankten und zeigten dem Mann das zerdepperte Glas. Doch der konnte uns auch nicht helfen, wusste aber, dass in Meaux eine Werkstatt sonntags geöffnet hatte. Also Schlüssel drehen, Wagen anlassen. Doch der blieb stumm. Nichts bewegte sich. Das fehlte noch. Motorhaube auf. Nachsehen. Die Batterie hatte keine Ladung. Ich schraubte die Deckel der Batterie auf und sah, da war keine Batterieflüssigkeit mehr. Nirgends. Die Batterie war trocken. Also den Tankwart um destilliertes Wasser bitten und die Batterie auffüllen. Die Deckel wieder aufschrauben und die Motorhaube wieder schließen. Von Wasser alleine hat solch eine Batterie aber auch keine Ladung. Die musste erst von der Lichtmaschine geliefert werden. Wagen anschieben geht nicht, wegen der Fliehkraftkupplung. Aber daran hat der Franzose gedacht. Jedes Auto in dieser Zeit – auch die großen Autos – hatten eine Kurbel, mit der man den Motor anschmeißen konnte. Es galt, jetzt den Motor so schnell zu drehen, dass die Lichtmaschine das Bisschen Strom erzeugte, mit der an wenigstens einer Zündkerze ein Funken entstehen konnte. Das gelang. Der Motor brummte. Wir stiegen ein und fuhren los. Wir sahen noch die Frau des Tankwarts, wie sie die Arme gen Himmel streckte und meinte, ohne Bremse zu fahren, sei in Frankreich verboten. Hoffentlich hetzt die nicht die Polizei auf uns, dachte ich.
Meaux ist von Paris etwa so weit entfernt wie Köln von Düsseldorf. Doch wir fuhren auf einer geraden Nationalroute. Einmal wurden wir von der Polizei überholt, die uns Langsamfahrer aber nicht beachtete. Meaux ist übersichtlich groß und die Werkstatt, nach der wir nur einmal fragen mussten, lag nicht weit von der Durchgangsstraße entfernt und hatte tatsächlich geöffnet. Der Mann dort zeigte sich hilfsbereit. Wir mussten nur noch warten, weil erst ein anderer Havarist behandelt werden musste. Als wir, jetzt wieder voll bremsfähig und mit halb gefüllter Batterie, abfuhren, war es Nachmittag. Dezember. Die Abenddämmerung hatte eingesetzt. Das Standlicht an und weiter. Ganz Frankreich fuhr so lange, bis es ganz dunkel wurde, mit Standlicht. Es galt als unhöflich, mit vollem Licht zu fahren. Das blendete. Außerdem konnte man so viel besser das Spiel der Farben am abendlichen Himmel beobachten und das Schwinden des Lichts in der Landschaft.
Die Grenze nach Belgien nahmen wir ohne große Komplikationen und ohne gefilzt zu werden. Doch in den Ardennen fühlte sich das Auto auf einmal komisch an. Ich hielt an, stieg aus und wäre beinahe hingefallen. Die Straße war total vereist. Es war schwarze Nacht. Nichts als schwarze Fichten oder Tannen um mich herum. Vor uns ein verblasstes Schild und dahinter – ein Abgrund. Ich musste das Schild ‚Deviation’ etwa 1 km vorher falsch interpretiert haben. Gut, dass wir hier gehalten hatten. 10 Meter weiter wären wir – ich sagte: Abgrund. Erst jetzt sah ich, dass ein Hinterreifen platt war.
Um mich herum schwarze Nacht, drei frierende dem Kotzen nahe bleiche Gestalten, von denen außer Jammern nichts zu erwarten war. Der Reifenwechsel gelang und der Weg zurück zu dem Umleitungsschild auch und irgendwann passierten wir endlich ein Schild mit der Aufschrift Aix-la-Chapelle. In solch einem Moment ist die Freude, wieder in heimischen Gefilden zu sein, größer als die Erinnerung an Paris. In Düsseldorf fuhr ich die drei noch jeweils vor ihre Haustüre, bevor ich meine eigene aufschließen konnte und meine Erinnerung aussetzt.
Heute weiß ich: Dieses Paris gibt es nicht mehr. Wieso ich Sartre nicht erwähnt habe? Ich war ihm nicht begegnet, weder in persona noch in Gesprächen.
Ende


