Reisen

Früher als kleiner Junge stand ich auf Eisenbahnbrücken und schaute sehnsüchtig auf die Gleise. Diese glänzenden Spuren führten in die Ferne. Weit weg. Dort gab es das Meer, dort gab es Menschen, die anders sprachen als wir hier zu Hause, dort war Vieles anders, voller Wunder. Wie groß war doch die Welt. Es galt, sie zu entdecken. Und wenn dann wirklich so ein Zug gezogen von einer gewaltigen, schwarzen Dampflock unter mir herfuhr und in der Ferne verschwand und ich den Duft von Wasserdampf und Kohlenruß einatmen konnte, war ich verzaubert. Vorstellungen ferner Welten überkamen mich, der Boden unter mir wurde wolkenweich, ein süßer Schmerz erreichte mich, das Fernweh, und der Schritt zurück in die Realität war wie ein harter Fall und gleichzeitig wie das Schließen von Türen des Gefängnisses eigener Beschränktheit.

Ja, ich war schon ein paar Mal mit dem Zug gefahren. Man nannte es Reisen. Ich schaute unablässig durchs Fenster und sah Felder, Häuser, Wälder und Menschen und was sie machten. Wenn ich dann ausstieg, befand ich mich im bergigen Sauerland zu Besuch bei einem Onkel, der mich mitnahm auf sein Boot, von dem aus wir Fische angelten. Oder einmal eine große Reise nach Hamburg und dann ins Alte Land. Dort wohnte eine total verschrumpelte Oma mit blauen Lippen, die ich küssen musste. Das war dann nicht so angenehm. Auch die Kirchturmglocken neben dem Haus der Oma waren so unanständig laut.

Meine erste selbstständige Reise machte ich mit Elf. Das war abenteuerlich! Und ich war’s, der reiste. Ich selbst. Ganz alleine. In Leer galt es, den Wagon zu finden, der irgendwann abgekoppelt und an einen Zug nach Emden angekoppelt wurde, während der große D-Zug, so hießen damals die Städte verbindenden Schnellzüge, weiter nach Norddeich fuhr. In Emden dann wurde man auf ein Abstellgleis gestellt, bis man von einer kleinen Diesellock wieder zum Bahnhof gezogen und dort Bestandteil eines Zuges nach Emden-Außenhafen wurde. Hafen! Meer!

Dann war es soweit. Ich schritt über ein Fallreep, unter mir gluckste das Hafenwasser, auf ein seegängiges Schiff, wie ich damals meinte. Ein Dampfer.

Mächtige, Öl glänzende Pleuelstangen bewegten sich majestätisch auf eine Kurbelwelle bildende Excenter zugreifend. Schweißgebadete Menschen schaufelten ununterbrochen Kohle in ein riesiges, heißes und helles Feuer. Kein Rattern eines Dieselmotors, kein das Arbeiten des Motors vermittelndes Rütteln und Schütteln des Schiffs. Nein, so ein Dampfer glitt so majestätisch wie ruhig, die Wellen teilend ein wenig gespenstisch durchs Wasser möwenbegleitet auf die Insel zu. Je nach Tide dauerte so eine Fahrt 2 ein halb bis 3 Stunden. Eine gefühlte Ewigkeit. Eine Ewigkeit in der immer erträumten Ferne. Beim Festmachen im Borkumer Hafen die vielen Leute da unten, die auf die Fahrt auf’s Festland warteten oder auch einfach nur winkten und Neu-Insulaner begrüßten und abholten. Abgeschlossen wurde dieser abenteuerliche Tag durch eine Fahrt mit dem Dünenexpress, einer Schmalspurbahn, die auf den auf Sand verlegten krummen Schienen im Schritttempo rüttelnd die Neuankömmlinge in den besiedelten Teil der Insel brachte.

Die nächste große Reise führte mich dann ins Ausland. Ich war zwar schon ein paar Mal nach Holland getrampt und hatte in der Eifel durch den Stacheldrahtzaun der Grenze Belgien bepinkelt und einige meiner Klassenkameraden waren schon in London, Paris und Brüssel gewesen und auch ich hatte in Paris Straßenmusik gemacht, doch diese Reise war ein Schritt weiter in die große Welt. Es ging durch die Schweiz, wo wir unsere Instrumente mitführenden vier Musiker die Sonne über den Bergen aufgehen ließen, weiter nach Mailand, Genua und dann die Riviera, dem Traum der damaligen deutschen Urlauber, lang, was sich allerdings als wenig angenehm erwies, zu der Hitze kam nämlich, dass es galt, Tunnel für Tunnel zu durchfahren, wobei es jedes mal nicht nur stockdunkel wurde sondern auch der gesamte schwarze Qualm, den die Lokomotive ausstieß in die Zugabteile drang und uns den Atem nahm. Doch endlich war Ventimiglia erreicht, eine Zollkontrolle und weiter ging’s über Menton, Monte Carlo bis nach Juan les Pins, Cap d’Antibes. Die Côte d’Azur war erreicht. Ich atmete die Luft und roch den Duft einer der teuersten und schicksten Küsten der Welt. Alle waren sie hier von Picasso bis Bardot. Dort von Monte Carlo bis Cannes, von Nizza bis Saint-Tropez machten wir Musik, von der wir mitten im Dasein der Superreichen abenteuerlich und sehr gut lebten.

Solche Erinnerungen überkamen mich, als ich Jahrzehnte später auf der Brücke nicht mal einer Autobahn sondern einer Stadtautobahn im Norden Düsseldorfs stand und wegen der Nähe des Flughafens im Minutentakt auch Flugzeuge die Nase nach oben gestreckt im Startflug beobachten konnte. Ferienflieger. Keine Reisenden

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Ein Kommentar zu Reisen

  1. Thomas sagt:

    Du hast vergessen zu erwähnen dass man kleiner Mann sich nach so einer Zugfahrt gehörig die Hände waschen musste. So mit mit Wurzelbürste und so. Besonders beie Omma. Weil doch alles schwarz vom Kohlenruß war.

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