Schmalblättriges Greiskraut

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Senecio inaequidens – Asteraceae

Den weiten Weg von Südafrika bis zu uns hat diese die unwirtlichsten Ecken einnehmende Pflanze mit ihren gelben Blüten genommen und nimmt es sogar auf sich, sich dem Sommer-Winterzyklus der nördlichen Hemisphäre anzupassen. 

Wanderer in den Welten ohne Füße noch Beine zu haben, ohne Flügel und ohne Herz und zentrales Nervensystem. Ein Wanderer, der nur existieren kann, wenn er fest verwurzelt in der Erde sein Leben gestaltet, ernährt von Wasser, Sonne und löslichen Mineralien.  Es handelt sich um eine Pflanze, eine Pflanze, der unsere Eltern in ihrer Jugend kaum begegnet sein dürften, denn es gab sie schlichtweg nicht, nicht hier in unseren Breiten. 

Kein Wunder, hat sie doch eine verdammt weite Reise zu bewältigen gehabt, um hier zu siedeln. Dabei hat sie sogar die Hemisphären gewechselt. Wir reden vom Schmalblättrigen Greiskraut (Senecio inaequidens)

Jetzt finden wir es überall und  massenhaft dort, wo die Bedingungen für die meisten einheimischen, zumindest höheren Pflanzen denkbar ungünstig sind.  Am Mörsenbroicher Ei in Düsseldorf, einem gar ungastlichen, stark befahrenen, innerstädtischen Verkehrsknotenpunkt, auf Schotter- und Kiesflächen, sie wächst aus den Fugen gepflasterter Wege und das bis auf die Rheinbrücken, also Flächen, die keinerlei Verbindung zu gewachsenem Boden haben, ja wo von Boden im landläufigen Sinne überhaupt nicht geredet werden kann,  bevölkert Dachrinnen und kommt sogar als Aufsitzerpflanze in Astgabeln von Bäumen vor.  Das ist also ein äußerst robuster und genügsamer Geselle. Erst da, wo andere Vegetation gleich großer oder größerer Pflanzen zahlreich möglich ist, kann sie keinen Fuß fassen. Am üppig bewachsenen Düsselrand z.B. wird man sie vergebens suchen, auch wenn sie ein paar Meter weiter zwischen Bordstein und viel befahrener Straße überall hervorlugt.

Beschreibung

Das schmalblättrige Greiskraut ist eine verzweigte, mehrjährige Staude, mit schmalen, lanzettlichen, am Saum gefurchten Blättern. Die Blätter sind am Rand oft etwas eingerollt.  Sie erreicht eine Höhe von 40 – 60 cm. Sie gehört zu den Korbblütlern (Asteraceae) und blüht gelb. Die Blütenköpfchen haben einen Durchmesser von ca. 2,5 cm, mit 10-15 gelben Zungenblüten. Die Blütezeit in Europa ist von Juni-Dezember, wobei ein immer früher einsetzender erster Blühtermin beobachtet werden kann. Sie fällt schon auf, wenn sie quasi als einzige, häufige Pflanze im Späthernst oder frühen Winter noch ziemlich üppig blüht. 

Herkunft 

Das erklärt sich daher, dass Sencio inaequidens aus Südafrika, aus der südlichen Hemisphäre stammt, also um 6 Monate verschobene Jahreszeiten gewohnt ist. In Südafrika ist Senecio inaequidens weit verbreitet. Als Ursprungsgebiet gilt das „Highveld“ von Transvaal, Natal und Oranje-Freistaat, von wo aus die Art sich aber in ganz Südafrika ausgebreitet hat und überall häufig anzutreffen sein soll. Hauptblühperiode dort ist von Oktober bis Februar. 

Ausbreitung, Ausbreitungswege 

Wie aber kommt dieser Frechling hierher? Einige Quellen sagen, die Pflanze sei mit Eisenerz-Importen hier her gelangt. Andere sprechen von Baumwoll-Importen.

Ich weiß nicht, wie hoch der Erzimport aus Süd-Afrika ist und ob er überhaupt stattfindet oder stattfand. So weit ich weiß, wächst in Süd-Afrika keine Baumwolle. Es kann aber sein, dass Baumwolle aus Zimbabweh seinen Weg über Süd-Afrika zu uns findet.

Wahrscheinlicher und am häufigsten und in den seriösen Quellen festgestellt ist, dass unser Greiskraut als Anhaftung an Wollballen hier her gekommen ist und vielleicht noch kommt. Dafür spricht auch, dass die erste Erwähnung von Senecio inaequidens aus Hannover von dem Gelände einer wollverarbeitenden Firma stammt – das war vor etwa 100 Jahren – und dann von auffallendem Auftreten der Pflanze im Hafen von Bremen die Rede war. Von dort aus und von Vorkommen in Lüttich hat sich die Pflanze erst den Westen unseres Landes erobert. Später meldete sie sich auch aus Süddeutschland. Die Verbreitung erfolgt vor  allem längs der Bahnlinien. Mir selbst ist sie zum ersten Mal vor etwa 20 Jahren auf der Bahnstrecke von Köln über Euskirchen nach Aachen (-Lüttich) aufgefallen.  Überall zwischen den Gleisen blühte diese unbekannte Pflanze oft von dem Boden der Zugwaggons stark rasiert und mit schwarzem Öl beschmutzt. Heute setzt sie ihre Eroberung längs der Bahnstrecken und Autobahnen Richtung Osten fort, so dass man seit dem Fall der Mauer auch aus Berlin, Leipzig und Dresden vom Vorkommen der Pflanze berichtet.

Bewertung

Senecio inaequides ist somit ein hier jetzt häufig vorkommender Neophyt der jüngeren Geschichte. Unter Neophyten verstehen wir Pflanzenarten, die nach 1500 eingebracht worden sind.

Senecio inaequides ist sogar ein invasiver Neophyt. Als invasive Arten werden solche Arten bezeichnet, die sich so stark und rasch ausbreiten, so dass sie viele andere für den betreffenden Lebensraum charakteristische Arten verdrängen.

Wir kennen solches von Neozoen, eingewanderten oder eingeschleppten Tieren, wie Waschbär, Bisam oder der Wanderkrabbe und der Streifenmuschel.  Manche der invasiven Neophythen begreifen wir inzwischen schon als einheimisch,. Dazu gehören unter anderem die Goldrute (Solidago canadensis), Die Robinie oder Falsche Akazie (Robinia pseudoaccacia) oder den Schmetterlingsstrauch (Buddleia davidii)

Die Gefährlichkeit von Neophyten ist in Listen erfasst. Diese ordnen sich in eine

Schwarze Liste: Neophyten, die erwiesenermassen negative ökologische Auswirkungen haben und aus der Sicht des Naturschutzes problematisch sind, eine

Graue Liste: Neophyten, die sich im Lande auszubreiten scheinen und an wenigen Stellen bereits Probleme verursachen und in eine

„Watch list“: Neophyten, die nicht weit verbreitet sind und keine Probleme verursachen; deren Ausbreitung aber beobachtet werden muss.

Senecio inaequidens steht auf der Schwarzen Liste 

Doch ist es nicht nur die rasante Verbreitung, die Sorgen macht. Senecio inaequadens ist wie auch unsere heimischen Greiskräuter giftig. Unser gewöhnliches Greiskraut  (Senecio vulgaris) bereitet den amerikanischen Farmern Sorgen, wächst es doch auf dem Farmland und wird von den dort grasenden Rinderherden gefressen. Es ist ja nicht so, dass nur andere Länder uns solche Kuckuckseier ins Nest legen. Von hier aus kommen ebenfalls recht unerwünschte Vertreter in die Welt. Ebenso kann dieser Fremdling hier auf Magerwiesen, die beweidet werden, Fuß fassen und gelangt so in die Mägen unseres vor allem Milchviehs und über diesen Umweg in die unseren.

Wie wird man eines solchen Eindringlings Herr. Wenn solch eine Spezies Fraßfeinde hat, ist das oft kein so großes Problem. Hier aber fehlen diese. Unsere Kaninchen, die mit Vielem fertig werden, mögen Senecio nicht so gerne, knabbern an ihnen ein wenig rum und meiden dieses Grün dann. Auch die meisten Schnecken vollführen ihr gefräßiges Werk nicht an dieser Pflanze. Gegen Pilzkrankheiten ist der robuste Kerl einfach unempfindlich. Fazit, man kann nichts machen. So was kennen wir ja auch aus der heimischen Flora. Oder ist es Ihnen schon mal gelungen, in den Garten gewanderten Giersch wieder auszurotten?

Und doch pflück ich mir im November, wenn nichts Anderes mehr blüht, gerne meinen Strauß Senecio inaequidens und stell ihn in die Vase. Dort hält er sich oft 14 Tage lang. Auch da beweist sich die Zähigkeit dieser Pflanze.

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3 Kommentare zu Schmalblättriges Greiskraut

  1. Flusskiesel sagt:

    Ein etwas gruseliger Neozoon ist übrigens ein seltsamer Weberknecht:
    http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,553671,00.html

    So eine Wand voll Spinnentiere – Brrrrr … aber es gibt weniger Mücken!

  2. richie sagt:

    So wabernde Weberknechte haben was. Wenn jetzt noch reichlich Fledermäuse in die verfallende Isenburg einziehen, dann haben die Gothics einen neuen Platz für ihre nächtlichen Gruselerlebnisse. So erzeugt man Tourismus. Mal was andres als farbig angestrahlte Ruinen vergangener Schwerindustrie.

    Also schnell zur Isenburg in Essen! Noch ist der Eintritt frei.

    Wem das dann schließlich zu gruselig ist, kann zum Isenbergplatz abschwenken und das Café Click aufsuchen. Das ist so was wie ein Bistro – Restaurant von der Art, wie sie in dem Umfeld Pariser Vororte ihr lästerliches Dasein offerieren. (wenn inzwischen die Besitzerin nicht gewechselt hat.)

  3. Flusskiesel sagt:

    Ich muss mal in Duisburg die Augen offen halten. Die Kleinen müssten ja auch bei uns Einzug gehalten haben – und von Duisburg ist es ja nur ein kleiner Schritt bis nach Düsseldorf! Die Ruine in Kaiserswerth dürfte ja eine erstklassige Wohnlage für die Weberknechte haben!

    Hier übrigens noch etwas seriösere Informationen als der Spiegel-Artikel:
    http://www.gmn-ev.de/index.php?id=76

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