Tropennacht

Es ist Mucksmäuschen still. Selbst das permanente Hintergrundgeräusch der Stadt rauscht am tiefsten Punkt des Decrescendo und ist kaum wahrnehmbar. Kein Auto unterbricht die Stille. Kein Getrappel heimkehrender Kellnerinnen Eine warme Sommernacht in dieser schmalen Straße. 03:00h. Überall stehen die Fenster offen. Mitten in diese friedliche, von warm feuchter Luft umschmeichelte Nacht, ein hackendes Geräusch, in welches sich bald Stöhnen mischt. Irgendwo gegenüber. Durch eines der offenen Fenster. Das quälende Stoßgeräusch eines kotzenden Mannes. Im Winter bei geschlossenen Fenstern und am Tag, wenn der Lärm der Straße alles übertönt, bemerkte man es nicht. So aber wird auf eindringliche Weise der Genuss der Stille verdorben. Man wird sich seines eigenen Magens bewusst. Der müht sich zwar nicht, es dem Gegenüber gleich zu tun, auch im Mund bilden sich keine fauligen und ätzenden Stoffe, doch man käme auch gut ohne diese Vorstellungen aus. Auf merkwürdige Weise leidet man mit. Das dauert auch, nachdem sich die Sache erledigt hat, eine Weile an. Bald hat einen das Crescendo des keimenden Morgens erreicht und es ist vorbei mit der Stille, der man sich so seltsam staunend hingegeben hat. Eine Straßenbahn, ein voluminöser Resonanzkasten, rollt Eisen auf Eisen vorbei. Eine Autotür fällt satt ins Schloss. Ein Motor startet, Marder, Waschbär und Fuchs verschwinden im nahen Park. Die Blätter einiger Pflanzen hängen der Dunkelheit entsprechend in Nachtstellung wie schlaff herab. Noch singt keine Amsel.

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