Auf den Straßen von Paris

Es war im kalten dunklen Dezember. Ich kann mich nicht mehr so genau erinnern. Schließlich ist es 50Jahre her. Es muss im Bobbys gewesen sein. Wo sonst? In einer Ecke hielt  sich Menz an einem Bier fest. Dabei waren noch zwei Jungs. Menz war schon was älter und erfahrener, die beiden anderen waren in meinem Alter. Menz kannte ich als Trompeter. Die beiden anderen spielten Tuba und Banjo, erzählte mir Menz. Ich muss wohl kundgetan haben, dass ich gerade den Führerschein gemacht und einen 2CV älterer Bauart gekauft hatte. Menz fand das großartig, denn dann könnten wir doch in den nächsten Tagen nach Paris fahren und Straßenmusik machen. Er kenne da ein kleines, billiges Hotel im Quartier Latin.

Es bedurfte keiner großen Überredungskunst. In Paris war ich noch nie. Paris! Ja, das wollte ich sehen. Wir einigten uns auf Weihnachten bis Neujahr, weil da alle Zeit hatten. Abenteuer. Paris! Hach!

Am 2. Weihnachtag saßen wir zu viert samt unseren Instrumenten, wobei die Tuba den meisten Platz einnahm, in meinem sonor knatternden 12-PS-Autochen, einer Ente mit Wellblechmotorhaube, Rolldach und aufklappbaren Fenstern. Die Scheibenwischer wurden von der Tachowelle angetrieben, standen also, wenn das Auto nicht fuhr, still. Aachen, dann die Ardennen, über Sedan dann endlich nach Frankreich. Gelobtes Land. Bald hinter der Grenze einen schwarzen Kaffee trinken und Baguette und Käse und vor allem Gauloises kaufen. Das war doch ein anderes Dasein als im trüben Deutschland. Da war es egal, dass das Autochen gerade mal 85km/h schnell war und bergauf auch schon mal nur 40km/h erreichte. Wir atmeten französische Luft.

Paris war schon von weitem zu sehen. Es sollte noch fast eine Stunde dauern, bis wir in das Weichbild der Stadt eingedrungen waren. Ich gewöhnte mich schnell an den andersartigen Verkehr und dass man beim Abbiegen den Arm aus dem Fenster streckte und sich auch ansonsten per Hand- oder Armbewegung verständlich machte und sich so durch die Fahrspuren wurstelte. Meine kaum vorhandene Fahrpraxis war da kein Hindernis. An diesem Abend sollte ich davon soviel hinzulernen wie in Düsseldorf in einem halben Jahr. Ich schaffte es, im Kreisverkehr des Place de la Concorde von innen nach außen zu gelangen und den Platz einmal zuviel umkreisend die richtige Ausfahrt zu nehmen. Mit Handzeichen ging das. Einfach fahren. Die Anderen bremsen schon.

Eins war klar. Am nächsten Tag erst einmal die hier üblichen gelb leuchtenden Birnchen für die Schweinwerfer kaufen. Mit dem weißen Licht kam man sich wie ein Störenfried vor. Irgendwann kurvten wir durch das Quartier Latin. Da sollte unser Hotel sein. Menz war der Einzige, der schon ein paar Mal in Paris gewesen war und sich ein wenig auskannte. Wir fuhren viele der kleinen Gassen ab und drehten uns im Kreis, es mal hier und mal da versuchend. Der breite, riesige Amischlitten, der vor uns her fuhr und ähnlich Kreise drehte, hielt an und ihm entstieg ein hagerer, langer Typ, der gut und gern aus einem Western hätte ausgeschnitten sein können, kam auf uns zu, beugte sich zum offen 2CV-Fenster herab und meinte in gebrochenem Deutsch. „Na, ihr Zigeuner! Ihr fahrt doch hier wie Falschgeld rum. Sucht ihr was Bestimmtes?“ Menz nannte den Namen der Absteige. Der Typ gab vor, Bescheid zu wissen und sagte, wir sollten hinter ihm herfahren. Getan wie gesagt, Als er wieder anhielt, zeigte er mit dem Arm auf eine schmale Gasse, eine Einbahnstraße und fuhr weiter. Da war es, unser ‚Hotel’

Wir kletterten mit steifen Gliedern aus dem Auto, das seinen Platz halb auf dem Bürgersteig und halb auf der schmalen Gasse gefunden hatte. Die Tür des Hotels entsprach einer normalen Haustüre und ließ sich, ohne dass man klingeln musste, öffnen. Kein Mensch zu sehen. Wir räusperten uns und dann riefen wir etwas. Es dauerte eine Weile, bis ein Mann, der offensichtlich bei irgendetwas gestört worden war, mit einem ehemals weißen Feinrippunterhemd  und einer schludrigen Hose seinen Kopf durch das kleine Fenster seiner Conciergerie streckte und nach unseren Wünschen fragte. Wir bekamen die Schlüssel für 4 Zimmer. 14 Franc die Nacht. Das waren in etwa 9 Mark.  Im Voraus zu bezahlen. Die Betten kennt man jetzt von Bildern aus den Notlazaretten in Pakistan oder anderen Not leidenden Weltgegenden. In der Mitte durchgelegen. Solche Eisenrohrgestelle mit von Spannfedern gehaltenen Drahtverhauen als Liegefläche. Neben meinem Bett schaute eine Steckdose ohne Abdeckung aus der Wand. Die Kontakte schauten in Körperhöhe des Ruhenden aus der Wand. Ich steckte den Stecker meines Rasierapparats rein. Das Ding führte Strom. Na ja, musste ich halt beim Schlafen ein wenig aufpassen. Wir waren in Paris. Wir hatten ein Dach über dem Kopf und Hunger. Einen Mordshunger und wenig Geld.

Auch da wusste Menz was. Beim Araber Couscous essen. Erst mal warten. Ich sag: Warten. Wenn endlich ein Tisch frei wird, kommt sofort für jeden ein Teller mit einem Berg Hirse drauf und Soße darüber. Wenn man ein paar Stückchen Fleisch haben will, kostet es mehr. Und dann schnell essen. Da warten Viele, viele Hungrige. Das Exotische an der Situation und unser Hunger ließen vergessen, dass das, was wir da aßen, nicht gerade die gelobte Französische Küche repräsentierte.

Heute war es zu spät geworden, um noch die Straßen der Stadt mit unserer Musik zu beglücken und so unsere Kasse aufzufüllen.

Wir verteilten uns auf unsere Zimmer und sanken in die Betten. Ich muss schnell eingeschlafen sein. Doch der Schlaf währte nicht lange. Ab Mitternacht schien das ‚Hotel’ zum Leben zu erwachen. Glucksendes Gelächter und ein nahezu fortwährendes Getrappel hoher Absätze die hölzernen Treppen rauf und runter. Erst glaubte ich, dass jetzt die Hotelgäste ihr müdes Haupt und die müden Glieder in Morpheus Arme überantworten wollten. Als aber das Getrappel kein Ende nahm und aus den Nachbarzimmern zunehmend glucksende und andere Geräusche alles Andere als schlafende Nachbarn annehmen ließ und auch mir den Schlaf raubten, begriff ich, dass wir Vier hier mit unserer Buchung über mehrere Tage wohl Exoten waren und die Zimmer ansonsten stundenweise vermietet wurden. Dass hier die Nacht der wache Teil des Tages war, wurde noch deutlicher, als so gegen 3:00h morgens der klare Ton einer Trompete erschallte.

Das Fenster meines Zimmers gab den Blick auf einen schachtartigen Innenhof frei. Zu allen Seiten Fenster der umliegenden Häuser. Aus einem dieser Fenster kam dieser strahlende Ton. Doch damit nicht genug. Es gab noch andere Fenster, die sich öffneten und weiteren Musikern dazu dienten, sich musikalisch zu äußern und ihr Können letztendlich im Zusammenspiel zu beweisen. Ich überlegte keine Sekunde, ob auch ich da einsteigen sollte. Das war alles zu fremd und ich kannte, wenn es denn welche gab, die Regeln nicht. In Paris hielt ich mich zurück. Ich hatte zwar jede Menge Bühnenerfahrung, doch das hier war anders.

Es muss nahe Mittag gewesen sein, als man uns etwas gestresst, etwas müde, nur durch ein paar ins Gesicht geschüttete Tropfen Wasser wach genässt aber hungrig auf den Hotelflur sehen konnte. Frühstück. Frühstück gab es hier nicht. Also raus. Da draußen gab es reichlich Cafés und Bistros. Café au Lait und Croissant. Dann aber doch noch ein, zwei kleine schwarze Cafés hinterher. Schließlich mussten wir wach werden.

Einen Schlachtplan für den weiteren Tag brauchten wir nicht. Es war klar, was es zu tun galt. Geld verdienen.

Wir zogen los. Meine erste Fahrt mit der Metro. Hier in der Stadt Auto zu fahren, wäre der glatte Wahnsinn gewesen. Das war klar. Das Auto stand sicher in der schmalen Sackgasse vor dem ‚Hotel’ Die Metro ist praktisch. Ein großer Plan machte die Orientierung einfach. Man musste auf den Zielort klicken und schon leuchtete je nach Linie in einer anderen Farbe die Streckenführung auf. Man konnte auch erkennen, wo man umsteigen musste. Das Preissystem war denkbar einfach. Es gab nur einen Preis. Einmal durch ein Drehkreuz in den Bauch der Metro eingedrungen konnte man, so lang man unter der Erde blieb, hinfahren, wohin man wollte. Kreuz und quer, ohne nachzahlen zu müssen. Ich weiß nicht genau, wo wir landeten. Es war auf jeden Fall mitten in der Stadt auf einem großen Boulevard. Wir brauchten nicht weit zu gehen. Menz hatte einen geeigneten Ort gefunden. Eine breite, hoch gewölbte Durchfahrt durch den Häuserblock, die auf der anderen Seite wieder auf eine Straße führte. Da gab es dank des Gewölbes einen günstigen Schallraum – nichts ist schlimmer als im Freien ohne jedes Echo spielen zu müssen. Das klingt nicht. Das ist trocken wie Kaffeepulver ohne heißes Wasser – und einen Fluchtweg nach hinten. Schließlich war das, was wir machten, illegal.

Wie schon gesagt, ich hatte eine Menge Bühnenerfahrung und dort auch ein gesundes Selbstbewusstsein entwickelt. Doch das hier war anders. Musik zu machen war nicht die Schwierigkeit, auch wenn ich zum ersten Mal in meinem Leben Straßenmusik machte und das in einer großen, fremden Stadt. Doch ich hätte in den Boden versinken können, als es darum ging, den Leuten das Küchensieb, mit dem wir sammelten, vors Gesicht zu halten und zu betteln. Ja, es kam mir vor wie Betteln, ganz mieses Betteln. Ich schämte mich. Das war ein Schock für mich. Trotzdem lächeln. Gute Laune zeigen. Auch ohne Sprachkenntnisse Witzchen machen. „Merci, Monsieur“ „Merci bien, Madame“ „Merci beaucoup“ „Merci“ „Merci“ Auf einmal ging es wie geschmiert. Die Angst und das Bettelgefühl waren wie weg geblasen. Die Zuhörer standen in einem großen Halbkreis um uns herum. Es wurden mehr und mehr. Es werden so zehn Reihen gewesen sein. Der Polizist auf der nahen Kreuzung schaute schon mal rüber und irgendwann überließ er den Verkehr sich selbst und schritt zur nahen Telefonzelle. Die Menschen um uns herum murmelten etwas von ‚Flic’. Wir wussten, dass es nicht lange dauern würde, bis solch ein grau-blauer Citroen Kastenwagen mit ein paar Polizisten auftauchen würde. So war es dann auch. Unser Publikum  sah den Wagen zuerst und warnte uns mit lautem „Flic!“ „Flic!“ „Flic!“ Der Wagen hielt am Straßenrand. Drei Polizisten schritten gemessen-stolzen Schrittes auf uns zu. Wir spielten das Stück zu Ende und kassierten noch einmal ab. Unser Publikum machte derweil breite Rücken und ließ keinen der Flics durch. Unser Publikum und wir waren plötzlich eine verschworene Gemeinschaft Unser Küchensieb füllte sich wie nie zuvor. Mein Klarinettenkoffer war unser Safe. Er war fast voll mit gesammeltem Geld, als ich ihn endlich schloss und mit dem Köfferchen in der einen Hand und der Klarinette in der anderen die Beine unter die Arme nahm und abhaute. Wir hatten besprochen, in so einem Fall jeder in eine andere Richtung zu fliehen und uns dann in einem bestimmten Eckbistro zu treffen.

Das klappte hervorragend. Die Leute auf der Straße machten nach wie vor so lange den breiten Rücken, bis wir verschwunden waren. Ein tolles Gefühl. Wir trafen uns in der verabredeten Eckkneipe und schütteten das Geld zu einem großen, klimpernden Haufen auf den Tisch, bestellten jeder einen schwarzen Café und baten die Wirtin, das Kleingeld in Scheine zu wechseln. Sie machte das gerne und mit einem wissenden Lächeln. Wir hatten gerade mal am Kaffe genippt, als sich unser Haufen Kleingeld in schöne, wenig Platz einnehmende Scheine verwandelt hatte. Jetzt hätte sogar die Polizei auftauchen können. „Wir?“ „Wir sollen illegal Geld gesammelt haben? „Wo ist das denn?“ Aber es kam keine Polizei aber stattdessen etwas Essbares und eine Flasche Rotwein auf den Tisch.

Ich hatte den ersten Auftritt als Straßenmusiker überlebt und es hatte richtig Spaß gemacht. Ich hatte keine Angst mehr und kein schlechtes Gefühl. Das war kein Betteln. Das war ein Triumph. Das war Leben. Das war Freiheit. Paris war unser.

Dem schloss sich beschwingtes Sight-Seeing an und irgendwo fanden wir wieder einen geeigneten Ort, packten unsere Instrumente aus und kassierten. Dieses Mal ohne Polizei. Weiter ging’s durch Paris, unser Paris.

Wir verteilten uns auf unsere Zimmer und sanken in die Betten. Ich muss schnell eingeschlafen sein. Doch der Schlaf währte nicht lange. Ab Mitternacht schien das ‚Hotel’ zum Leben zu erwachen. Glucksendes Gelächter und ein nahezu fortwährendes Getrappel hoher Absätze die hölzernen Treppen rauf und runter. Erst glaubte ich, dass jetzt die Hotelgäste ihr müdes Haupt und die müden Glieder in Morpheus Arme überantworten wollten. Als aber das Getrappel kein Ende nahm und aus den Nachbarzimmern zunehmend glucksende und andere Geräusche alles Andere als schlafende Nachbarn annehmen ließ und auch mir den Schlaf raubten, begriff ich, dass wir Vier hier mit unserer Buchung über mehrere Tage wohl Exoten waren und die Zimmer ansonsten stundenweise vermietet wurden. Dass hier die Nacht der wache Teil des Tages war, wurde noch deutlicher, als so gegen 3:00h morgens der klare Ton einer Trompete erschallte.

Das Fenster meines Zimmers gab den Blick auf einen schachtartigen Innenhof frei. Zu allen Seiten Fenster der umliegenden Häuser. Aus einem dieser Fenster kam dieser strahlende Ton. Doch damit nicht genug. Es gab noch andere Fenster, die sich öffneten und weiteren Musikern dazu dienten, sich musikalisch zu äußern und ihr Können letztendlich im Zusammenspiel zu beweisen. Ich überlegte keine Sekunde, ob auch ich da einsteigen sollte. Das war alles zu fremd und ich kannte, wenn es denn welche gab, die Regeln nicht. In Paris hielt ich mich zurück. Ich hatte zwar jede Menge Bühnenerfahrung, doch das hier war anders.

Es muss nahe Mittag gewesen sein, als man uns etwas gestresst, etwas müde, nur durch ein paar ins Gesicht geschüttete Tropfen Wasser wach genässt aber hungrig auf den Hotelflur sehen konnte. Frühstück. Frühstück gab es hier nicht. Also raus. Da draußen gab es reichlich Cafés und Bistros. Café au Lait und Croissant. Dann aber doch noch ein, zwei kleine schwarze Cafés hinterher. Schließlich mussten wir wach werden.

Einen Schlachtplan für den weiteren Tag brauchten wir nicht. Es war klar, was es zu tun galt. Geld verdienen.

Wir zogen los. Meine erste Fahrt mit der Metro. Hier in der Stadt Auto zu fahren, wäre der glatte Wahnsinn gewesen. Das war klar. Das Auto stand sicher in der schmalen Sackgasse vor dem ‚Hotel’ Die Metro ist praktisch. Ein großer Plan machte die Orientierung einfach. Man musste auf den Zielort klicken und schon leuchtete je nach Linie in einer anderen Farbe die Streckenführung auf. Man konnte auch erkennen, wo man umsteigen musste. Das Preissystem war denkbar einfach. Es gab nur einen Preis. Einmal durch ein Drehkreuz in den Bauch der Metro eingedrungen konnte man, so lang man unter der Erde blieb, hinfahren, wohin man wollte. Kreuz und quer, ohne nachzahlen zu müssen. Ich weiß nicht genau, wo wir landeten. Es war auf jeden Fall mitten in der Stadt auf einem großen Boulevard. Wir brauchten nicht weit zu gehen. Menz hatte einen geeigneten Ort gefunden. Eine breite, hoch gewölbte Durchfahrt durch den Häuserblock, die auf der anderen Seite wieder auf eine Straße führte. Da gab es dank des Gewölbes einen günstigen Schallraum – nichts ist schlimmer als im Freien ohne jedes Echo spielen zu müssen. Das klingt nicht. Das ist trocken wie Kaffeepulver ohne heißes Wasser – und einen Fluchtweg nach hinten. Schließlich war das, was wir machten, illegal.

Wie schon gesagt, ich hatte eine Menge Bühnenerfahrung und dort auch ein gesundes Selbstbewusstsein entwickelt. Doch das hier war anders. Musik zu machen war nicht die Schwierigkeit, auch wenn ich zum ersten Mal in meinem Leben Straßenmusik machte und das in einer großen, fremden Stadt. Doch ich hätte in den Boden versinken können, als es darum ging, den Leuten das Küchensieb, mit dem wir sammelten, vors Gesicht zu halten und zu betteln. Ja, es kam mir vor wie Betteln, ganz mieses Betteln. Ich schämte mich. Das war ein Schock für mich. Trotzdem lächeln. Gute Laune zeigen. Auch ohne Sprachkenntnisse Witzchen machen. „Merci, Monsieur“ „Merci bien, Madame“ „Merci beaucoup“ „Merci“ „Merci“ Auf einmal ging es wie geschmiert. Die Angst und das Bettelgefühl waren wie weg geblasen. Die Zuhörer standen in einem großen Halbkreis um uns herum. Es wurden mehr und mehr. Es werden so zehn Reihen gewesen sein. Der Polizist auf der nahen Kreuzung schaute schon mal rüber und irgendwann überließ er den Verkehr sich selbst und schritt zur nahen Telefonzelle. Die Menschen um uns herum murmelten etwas von ‚Flic’. Wir wussten, dass es nicht lange dauern würde, bis solch ein grau-blauer Citroen Kastenwagen mit ein paar Polizisten auftauchen würde. So war es dann auch. Unser Publikum  sah den Wagen zuerst und warnte uns mit lautem „Flic!“ „Flic!“ „Flic!“ Der Wagen hielt am Straßenrand. Drei Polizisten schritten gemessen-stolzen Schrittes auf uns zu. Wir spielten das Stück zu Ende und kassierten noch einmal ab. Unser Publikum machte derweil breite Rücken und ließ keinen der Flics durch. Unser Publikum und wir waren plötzlich eine verschworene Gemeinschaft Unser Küchensieb füllte sich wie nie zuvor. Mein Klarinettenkoffer war unser Safe. Er war fast voll mit gesammeltem Geld, als ich ihn endlich schloss und mit dem Köfferchen in der einen Hand und der Klarinette in der anderen die Beine unter die Arme nahm und abhaute. Wir hatten besprochen, in so einem Fall jeder in eine andere Richtung zu fliehen und uns dann in einem bestimmten Eckbistro zu treffen.

Das klappte hervorragend. Die Leute auf der Straße machten nach wie vor so lange den breiten Rücken, bis wir verschwunden waren. Ein tolles Gefühl. Wir trafen uns in der verabredeten Eckkneipe und schütteten das Geld zu einem großen, klimpernden Haufen auf den Tisch, bestellten jeder einen schwarzen Café und baten die Wirtin, das Kleingeld in Scheine zu wechseln. Sie machte das gerne und mit einem wissenden Lächeln. Wir hatten gerade mal am Kaffe genippt, als sich unser Haufen Kleingeld in schöne, wenig Platz einnehmende Scheine verwandelt hatte. Jetzt hätte sogar die Polizei auftauchen können. „Wir?“ „Wir sollen illegal Geld gesammelt haben? „Wo ist das denn?“ Aber es kam keine Polizei aber stattdessen etwas Essbares und eine Flasche Rotwein auf den Tisch.

Ich hatte den ersten Auftritt als Straßenmusiker überlebt und es hatte richtig Spaß gemacht. Ich hatte keine Angst mehr und kein schlechtes Gefühl. Das war kein Betteln. Das war ein Triumph. Das war Leben. Das war Freiheit. Paris war unser.

Dem schloss sich beschwingtes Sight-Seeing an und irgendwo fanden wir wieder einen geeigneten Ort, packten unsere Instrumente aus und kassierten. Dieses Mal ohne Polizei. Weiter ging’s durch Paris, unser Paris.

Als wir zurück zum Hotel kamen, stand da ein nagelneuer, hellblau glänzender Panhard, aber nicht wie ich halb auf dem Bürgersteig sondern in voller Breite auf der engen Straße. Ich mochte diesen Panhard. Ein kleines sportliches Auto zu einem Preis, der wenn auch mit Mühe erschwinglich erschien. So einen hätte ich gerne gehabt. Ich liebäugelte schon eine Weile mit dem Gedanken. Da stand er nun und ich hatte Befürchtungen, weil er so breit auf der Straße stehend kaum einem anderen Auto erlaubte, an ihm vorbei zu fahren.

In einem Supermarkt hatten wir uns mit ein paar Flaschen Wein eingedeckt. Im Supermarkt lagen die Weinflaschen zu Hunderten in den Regalen. Man hatte bei dem Rouge Ordinaire die Wahl zwischen 10, 11 und 12 degree. Wir nahmen den 12prozentigen. Das nicht wegen des Alkoholgehalts sondern weil er besser schmeckte.

Wir entledigten uns unserer Instrumente. Ich nahm in einem nahen Café eine Schokolade. Die anderen wollten noch eine Sause machen. Ich hatte vom großen Paris genug gesehen und schaute mich ein wenig in den schmalen Gassen des Quartier Latin um. Buntes Zuckerwerk maghrebinischer Einwanderer. Volle Café-Terrassen. Menschen in dunkelblauen Duffle Coats mit roten Schals und oft eine Baskenmütze dazu. Ja, das Clichée. Junge Frauen mit geschmackvollen Kopftüchern und der Kunst, kleine Accessoires zu drapieren. Pferdeschwanz als Haartracht war in. Alles war auf eine Weise selbstverständlich. Nichts erregte besondere Aufmerksamkeit. Und doch war es spät geworden. „En rouge svp.“ lässig an der Theke geäußert ließ mich ein wenig heimisch fühlen und konnte durch ein „un autre svp.“ ergänzt werden.

Als ich dann doch recht müde aber rotweinfriedlich im Hotel meinen Schlüssel verlangte, meinte der Patron in seinem jetzt grauen Feinrippunterhemd, dass den Schlüssel schon jemand abgeholt habe. Ich solle doch einfach mal nachgucken. Und in der Tat, meine Zimmertür ließ sich, ohne aufschließen zu müssen, öffnen. Ich knipste das schummrige Licht an und sah — eine mich fröhlich anlächelnde Frau in meinem Bett, die ihre Blöße nur unzureichend mit meinem Bettzeug bedeckte. Wie sich herausstellte, war das dann auch ihre einzige Bekleidung. Ihre Klamotten lagen auf dem einzigen Stuhl im Zimmer. Ich nahm nicht an, dass ein Service des feingerippten Patrons war, sondern eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme der Dame selbst. Gegen unvermuteten Damenbesuch im Bett ist eigentlich nichts auszusetzen, das vor allem, wenn man gerade 20 und in Paris ist. Andere Länder, andere Sitten. Doch diese Person dort erschien mir dann doch etwas suspekt. Damals gab es, wenn auch von Aids noch keine Rede war, eine Menge Geschlechtskrankheiten. Was sich da in meinem Bett räkelte, schien mir mit jeder dieser gesegnet zu sein. Ich habe sie so höflich wie dringlich herauskomplimentiert. Das erfolgte schnell und quasi geräuschlos. An das Getrappel im Treppenhaus hatte ich mich gewöhnt und in dieser Nacht spielte auch niemand Trompete im Hinterhof.

Die Anderen müssen wohl erst am frühen Morgen gekommen sein. Ich traf sie am nächsten Mittag im nahe gelegenen Café. Sie schmissen sich zum Café au lait und Croissant noch ein paar Pillen ein. Preludin (Prellies) Preludin war in Frankreich frei erhältlich. Es hielt wach und machte gleichgültig. Nichts für mich. Erst viel später sollte ich die Bekanntschaft eines anderen wach haltenden Mittels machen: Ephedrin. Ein Sauzeug, an das man sich gewöhnte und immer höhere Dosen brauchte. Wenn man es absetze, geriet man in eine neblige Lethargie.

Die Straßenmusik in den nächsten Tagen machte weniger Spaß. Es ging nichtmehr darum, Spaß an der Musik und Freude an den Menschen, die sie hörten, zu haben sondern nur noch darum, das Geld zusammenzuscheffeln, das nachts in zweifelhaften Spelunken ausgegeben werden musste. Meine Erzählung, dass die Frauen hier freiwillig wenn sicher auch nicht gratis in den Betten lägen, wurde zwar mit Staunen aufgenommen, fruchtete aber wenig. Und dass im Publikum so manche Hübsche herumstand und einen anlächelte, wurde nicht gehört. Das galt auch nicht, als ich eine Studentin aus dem Pulk unserer Zuhörer kennen lernte, die an der Sorbonne Germanistik studierte und mir ihr Paris zeigte.

Den Panhard, das muss ich ergänzen, hatte es erwischt. Die Türen zur Straßenseite waren leicht eingedrückt und tiefe Kratzer zum Teil mit roten Lackstreifen geziert zogen sich über fast die gesamte Fahrzeuglänge. Ich war in Frankreich. Da ist das nicht so schlimm. Das Auto war dort ein Gebrauchsgegenstand und kein Fetisch.

Was mir meine Studentin zeigte, waren nicht die bekannten Sehenswürdigkeiten sondern Restaurants, in denen man gut und preiswert essen konnte. Dinge, die man auf keinen Fall tun durfte (z.B. Hähnchenschenkel in die Hand nehmen und quer essen) und Lokale, in denen man abends seinen Rotwein genießen und ein wenig tanzen konnte oder einem Pianisten oder einer Chansonette lauschen und erleben konnte, wie sich ein polnischer oder russischer Musiker aus dem Publikum ans Piano setzte und Chopin oder Skriabin spielte. Natürlich erzählte sie auch von sich. Ich war sicher eine angenehme weil Deutsch sprechende Abwechslung. Umso erschrockener war ich, als ich sie am letzten Abend etwas spät nach Hause brachte, und erleben musste, dass sie von Ihren Eltern mit Schlägen ins Gesicht und üblen Beschimpfungen empfangen und ich als deutsches Schwein (boche) bezeichnet wurde. Das ist das andere Frankreich, das erzkonservative, das mit Mäuerchen ums Grundstück und französischer Gloire im schmucken Döschen auf dem sauber ziselierten Tisch neben der Brokattapete. Ich habe die hübsche Studentin nie wieder gesehen und nie wider was von ihr gehört. Dabei hatte sie so einen hübschen Bubikopf aus dunkelbraunen Haaren und so leuchtende dunkele Augen und auch sonst war alles entzückend an ihr. Auch mit Brille. Sie war ein wenig kurzsichtig. C’est la vie.

Ich stehe an der Theke des Bistros an der Petit Pont, Notre Dame im Rücken, fühle mich allein in der fremden großen Stadt, genieße es aber, das Alles mal sehen, fühlen, riechen zu können und eben hier im Bistro an der Petit Pont einen Roten zu trinken. Das ist etwas, wozu man sich erst einmal in den Arm kneifen muss. „Hallo Fatty“ höre ich eine weibliche Stimme, deren Besitzerin ich aus dem Bobbys kenne. Diese klettert auf den Barhocker neben mir und unterhält sich übers Wetter. Ja, auch in Paris ist es kalt im Winter. Kein: „Wie, Du bist auch in Paris“ kein: „Dass man sich ausgerechnet in Paris trifft“ kein: „Was machst Duuu denn hier?“. Es gibt also etwa Gleichaltrige, für die es so normal ist, sich in Paris rumzutreiben wie auf der Ratinger Straße in Düsseldorf. Ich kam mir sehr, sehr klein vor.

Wir Jungs hatten das so geregelt, dass Jeder machen konnte, was er wollte, wir uns nur zu einem bestimmten Zeitpunkt an einer bestimmten Stelle treffen mussten, um das Geld für den Tag zu verdienen. Das war dann meist in einer halben Stunde erledigt. Dass sich alle daran hielten, war ein absolutes Muss und da gab es keine Entschuldigung. Das klappte auch. So hatte jeder von uns eine Menge Zeit, sich in Paris auf seine Weise umzuschauen.

Ich fuhr einmal mit einer der Metrolinien bis zur Endstation in einen weit draußen liegenden Vorort. Fragt nicht, welche Linie das war und welches Arrondissement und welches Quartier. Ich staunte, weil ich etwas wieder erkannte. Das sah aus, wie die Bilder des versoffenen Utrillos. Die Farben, die Fensterläden, die Blechdächer, die roten Ziegeldächer, die Straßen. Ja, die Straßen erschienen in diesen verschwommenen Farben. Selten begegneten mir „Fremd“ und „Vertraut“ auf so engem Raum. Ich erinnere mich noch an die alte Dame, die in ihrem schweren, wärmenden beige-braunen Cape, zu dem sie aber einen hellen Strohhut trug, der mir eher zum Sommer zu gehören schien, vom Alter gebeugt am Stock ging und mir ein: „Ça va, Monsieur!“ entgegenhielt, das ich artig mit einem „Ça va bien, Madame“ beantwortete. Für Utrillo wären das ein paar Pinselstriche gewesen.

Oder morgens um 5:00h wenn die Lieferwagen im Laternenschein über das Kopfstein des Boul. Haussmann rattern. Das ist ein Paris eigenes Geräusch. Die Meisten schlafen aber die Stadt wacht auf. Der Duft des Morgens. Feucht moderndes Laub auf dem Glanz der Pflastersteine. Oder der Eiffelturm im Nebel. Die Spitze verschwindet im Grau.

Eines Abends streunte ich zusammen mit Menz durch unser Quartier, als uns eine Hübsche in einem dicken Pelzmantel grüßte, Küsschen rechts, Küsschen links. Der Mantel kleidete vorzüglich. Menz kannte sie und umgekehrt. Ich habe vergessen, worüber sie sich austauschten. Nicht vergessen habe ich, wie sie sich mir zuwendend den Mantel öffnete. Darunter trug sie nichts. Nicht mal ein Höschen und meinte: „Der Typ da“ und sie machte eine Bewegung mit dem Kinn in Richtung Menz „wollte par tout nicht mit mir ficken. Dabei fickt der sonst jedes rostige Ofenrohr.“ ‚Paris, die Stadt der Liebe’, fiel mir dazu ein.

Und dann diese Eckkneipen mit ihren langen Theken, viel Platz für’s Volk und kaum Stühle, die über eine Tabac-Lizenz verfügten und in denen ich  meine Gauloises kaufte und schon mal einen Kaffee trank. Fast immer wurde solch ein vor allem von Männern bevölkertes Lokal von einer älteren, dick geschminkten Frau im Publikum regiert. Diese Frauen weit über 50 hatten sich nicht weggeschmissen sondern waren und sind es vielleicht noch, ich war lange nicht mehr da, ein Innbegriff der Weiblichkeit. Prachtweiber mit Befehlsgewalt.

Panthéon, Arc de Triomphe, Eiffelturm, Montmartre mit Sacre Coeur, Louvre (die Pyramide gab es noch nicht) und sonst so Einiges habe ich mir von außen angesehen aber die Halles Centrales, den Bauch von Paris, die gab es noch, die habe ich mir genauer angesehen. Riesig, überwältigend, faszinierend. Man sagte, Alles, was in Frankreich gegessen wird, wird dem Codex des Zentralstaats folgend erst einmal nach Paris in die Hallen transportiert und von dort dann wieder über das Land verteilt. Ob das so stimmte, weiß ich nicht. Sicher aber ist, dass Paris besser versorgt wurde als andere Regionen.  Eine so große, alte sich dazu  ständig wandelnde Stadt hat soviel anzubieten, dass man nur erschlagen ist. Das auch zwischen den Jahren, einer Zeit, in der Paris eher ruhig und leer ist. Außerdem gab es ja noch die täglichen Treffen mit meinen Kollegen und nicht zu vergessen meine Studentin. Der Montmartre hat mich dazu bewegt, meine Aufmerksamkeit nicht weiter auf die üblichen Touristenattraktionen zu richten. Die Künstler und ihre Bilder dort waren eine heilsame Enttäuschung.

Die Kollegen wurden immer mehr zum Problem. Die lehnten es ab zu schlafen. Stattdessen gab’s Preludin. Sie schliefen nicht, aßen nur wenig und wenn dann komisches Zeugs, waren bleich und schwer ansprechbar und zum Schluss kotzten sie Galle. Sie meinten,  die kurze Zeit bis zum Letzten nutzen zu müssen, um Paris zu erleben. Ich hatte das Gefühl, dass sie einem Phantom nachjagten. Es war nicht Paris, was sie erlebten und dem sie nachjagten, es war ihre Vorstellung von Paris, die sie verifiziert sehen wollten, was aber nicht gelang, weil Paris nicht so war, wie sie sich Paris vorstellten.  Für das Offensichtliche und Neue waren sie verschlossen. Die Musik und die Art unserer Straßenauftritte litten darunter. Musik machen war jetzt eine lästige Pflicht. So kann man kein Publikum begeistern. Die Einnahmen wurden geringer.

Da war es gut, dass der Tag der Abreise kam. Ein letztes Frühstück in unserem Stammcafé, dann sortierten wir uns und unsere Instrumente in den kleinen 12 PS 2CV. Los ging’s. Es war ein Gefühl der Hilflosigkeit, als ich auf die Bremse trat und das Autochen einfach weiter fuhr. Ich konnte treten wie ich wollte. Die Bremsen funktionierten nicht. Die Handbremse hatte schon lange ihren Dienst aufgegeben. Das wusste ich. Damit konnte ich leben. Mit Glück brausten wir über die erste Vorfahrt habende Querstraße. Ich ließ den Wagen ausrollen. Motorhaube auf und siehe, der Glastopf, der die Bremsflüssigkeit enthielt, war zerdeppert.

Es gab antideutsche Ressentiments in Frankreich. Die Motorhaube beim 2CV war nicht gesichert. Sie konnte von jedem jederzeit geöffnet werden. Es war ein Leichtes, den kleinen Glasbehälter zu zerstören.

Was machen? Es war Sonntag und einer von uns musste Montag seinen Job erfüllen. Wir fragten, ob und wo in Paris es eine Werkstatt gibt, die sonntags arbeitet. Ja, das gab’s. In einem ziemlich weit entfernten Arrondissement.

Uns blieb keine Wahl. Wir mussten es versuchen. Wer sehen will, wie voraussehendes Fahren aussieht, der hätte uns beobachten müssen. Grüne Ampeln in der Ferne waren rote Ampeln. Also die Geschwindigkeit soweit zurücknehmen, dass dort wieder Grün ist und dazu die Autos vor der roten Ampel wieder angefahren waren. Bloß nicht auf den Place de la Concorde! Bloß nicht. Wir eierten ziemlich orientierungslos durch Paris. Und was tauchte vor uns auf? Der Place de la Concorde. Der ist für Fremdlinge schon mit Bremsen am Auto keine einfache Sache, jetzt aber galt es, ihn ohne die Möglichkeit zu bremsen, zu bewältigen. Also rein. Man kann doch mit dem Motor bremsen. Ja, das stimmt. Doch das gilt nur begrenzt für den 2CV  dieser Zeit. Der verfügte nämlich über eine so genannte Fliehkraftkupplung. Was das ist? Das ist eine Kupplung, die sich bei niedrigen Drehzahlen trennt. Bei Fahrt in den ersten Gang runterschalten ging ebenfalls nicht. Der war nicht synchronisiert. Wer uns beobachtet hätte, hätte gesehen, wie sich bei einem schleichend langsam dahinfahrenden 2CV hin und wieder alle vier Türen halb öffneten und sich vier Beine aus dem Auto streckten und die daran befestigten Schuhe über das Pflaster scharrten und so den Wagen zum Stillstand brachten. Es sei, wie es sei oder es war, wie es war. Wir überlebten den Place de la Concorde.

Doch meine Nerven waren dahin. Ich hatte keine Lust mehr, die einzige offene Werkstatt irgendwo im riesigen Paris zu suchen. Ich wollte hier raus. Raus! Ab in Richtung Osten. Eine breite gerade Straße, auf der man weit gucken konnte. Endlich lichtete sich der Wall von Häusern rechts und links. Schilder wiesen auf entfernte Städte hin. Ich wagte  Geschwindigkeiten von bis zu 60 km/h. Ampeln waren fast einen Kilometer weit zu sehen.

Eine Tankstelle! Hoffnung. Wir tankten und zeigten dem Mann das zerdepperte Glas. Doch der konnte uns auch nicht helfen, wusste aber, dass in  Meaux eine Werkstatt sonntags geöffnet hatte. Also Schlüssel drehen, Wagen anlassen. Doch der blieb stumm. Nichts bewegte sich. Das fehlte noch. Motorhaube auf. Nachsehen. Die Batterie hatte keine Ladung. Ich schraubte die Deckel der Batterie auf und sah, da war keine Batterieflüssigkeit mehr. Nirgends. Die Batterie war trocken. Also den Tankwart um destilliertes Wasser bitten und die Batterie auffüllen. Die Deckel wieder aufschrauben und die Motorhaube wieder schließen. Von Wasser alleine hat solch eine Batterie aber auch keine Ladung.  Die musste erst von der Lichtmaschine geliefert werden. Wagen anschieben geht nicht, wegen der Fliehkraftkupplung. Aber daran hat der Franzose  gedacht. Jedes Auto in dieser Zeit – auch die großen Autos – hatten eine Kurbel, mit der man den Motor anschmeißen konnte. Es galt, jetzt den Motor so schnell zu drehen, dass die Lichtmaschine das Bisschen Strom erzeugte, mit der an wenigstens einer Zündkerze ein Funken entstehen konnte. Das gelang. Der Motor brummte. Wir stiegen ein und fuhren los. Wir sahen noch die Frau des Tankwarts, wie sie die Arme gen Himmel streckte und meinte, ohne Bremse zu fahren, sei in Frankreich verboten. Hoffentlich hetzt die nicht die Polizei auf uns, dachte ich.

Meaux ist von Paris  etwa so weit entfernt wie Köln von Düsseldorf. Doch wir fuhren auf einer geraden Nationalroute. Einmal wurden wir von der Polizei überholt, die uns Langsamfahrer aber nicht beachtete. Meaux ist übersichtlich groß und die Werkstatt, nach der wir nur einmal fragen mussten, lag nicht weit von der Durchgangsstraße entfernt und hatte tatsächlich geöffnet. Der Mann dort zeigte sich hilfsbereit. Wir mussten nur noch warten, weil erst ein anderer Havarist behandelt werden musste. Als wir, jetzt wieder voll bremsfähig und mit halb gefüllter Batterie, abfuhren, war es Nachmittag. Dezember. Die Abenddämmerung hatte eingesetzt. Das Standlicht an und weiter. Ganz Frankreich fuhr so lange, bis es ganz dunkel wurde, mit Standlicht. Es galt als unhöflich, mit vollem Licht zu fahren. Das blendete. Außerdem konnte man so viel besser das Spiel der Farben am abendlichen Himmel beobachten und das Schwinden des Lichts in der Landschaft.

Die Grenze nach Belgien nahmen wir ohne große Komplikationen und ohne gefilzt zu werden. Doch in den Ardennen fühlte sich das Auto auf einmal komisch an. Ich hielt an, stieg aus und wäre beinahe hingefallen. Die Straße war total vereist. Es war schwarze Nacht. Nichts als schwarze Fichten oder Tannen um mich herum. Vor uns  ein verblasstes Schild  und dahinter – ein Abgrund. Ich musste das Schild ‚Deviation’ etwa 1 km vorher falsch interpretiert haben. Gut, dass wir hier gehalten hatten. 10 Meter weiter wären wir – ich sagte: Abgrund. Erst jetzt sah ich, dass ein Hinterreifen platt war.

Um mich herum schwarze Nacht, drei frierende dem Kotzen nahe bleiche Gestalten, von denen außer Jammern nichts zu erwarten war. Der Reifenwechsel gelang und der Weg zurück zu dem Umleitungsschild auch und irgendwann passierten wir endlich ein Schild mit der Aufschrift Aix-la-Chapelle. In solch einem Moment ist die Freude, wieder in heimischen Gefilden zu sein, größer als die Erinnerung an Paris. In Düsseldorf fuhr ich die drei noch jeweils vor ihre Haustüre, bevor ich meine eigene aufschließen konnte und meine Erinnerung aussetzt.

Heute weiß ich: Dieses Paris gibt es nicht mehr. Wieso ich Sartre nicht erwähnt habe? Ich war ihm nicht begegnet, weder in persona noch in Gesprächen.

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