Es war vor Jahren. Ein Montag

Trottoirschlange

Anke hatte mir empfohlen, raus zu gehen. Das Wetter sei so gut. Da war ich aber schon draußen.

Da draußen passieren merkwürdige Sachen. 

Ich komm aus der Haustür, da liegen lauter ovale Schnipsel auf den Trittsteinen, über die man so geht. Die fallen von den Bäumen, den Robinien, torkeln durch die müde Luft und legen sich dann platt hin. 

Dazwischen findet man Kordel, sich krümmende Fäden, Di-Pol-Kabel mit auffallend roten und weißen Steckern, einen violetten plüschigen Kringel, die Scherbe einer CD-ROM, eine Wasserpfütze unterhalb eines üppig mit Pflanzen gefüllten Balkonkastens und ein breitgetretenes Kaugummi. Das finden sich unzählige, kleine gepanzerte, stark und deutlich gekerbte Tiere mit manchmal 6 und manchmal 8 Beinen, die entfernt an projektierte Mondfahrzeuge erinnern und rennen in dieser wirren Welt umher. 

Ich hebe den Blick und sehe wie mir mannigfaltig Plastiktüten entgegen schweben, Plastiktüten mit Menschen dran. 

An manchen Orten ist das Pflaster weiß-grau kariert. Dort steht mit aller Regelmäßigkeit ein weiß-grün-gelbes Schild, auf welchem man ein großes grünes H erkennt. Daneben gibt es Häuschen mit einer Sitzbank drin. Die Häuschen sind ganz durchsichtig weil aus Glas. Nur auf einer Seite kann man nicht hindurch sehen. Auf der anderen Seite sieht man einen Mann, der eine Frau in einem weißen Kleid durch die Prärie trägt. Die Frau sieht ziemlich tot aus. Darunter steht in schwarzen Lettern LEGENDEN DER LEIDENSCHAFT, ein Datum und eine Uhrzeit. 

Ganz außen auf der Bank eines dieser Glashäuschen sitzt eine üppige Frau. Sie sitzt dort hinter einem Wall aus gut gefüllten Plastiktüten wie in einer Sandburg am Nordseestrand und lacht in sich hinein und vor sich hin, so dass ihre plustrige, schwarze Hose mit den groß aufgedruckten Phantasieblumen zwischen Lilien und Narzissen im Rhythmus des Kicherns in Wallung gerät. 

Hinzu kommt ein Mann, der die 70 überschritten haben mag. Auf seinem Kopf findet sich eine blaue Schirmmütze mit der Aufschrift HARIBO. Sich auf einen zitternden Stock stützend setzt er sich vorsichtig hin. Der lacht und grinst nicht sondern spricht vor sich hin wie mit jemand Drittem. Zitternd und vorsichtig nestelt er eine kleine Papppackung aus seiner Jackentasche und hält sich diese nah an die Brille. Silbe für Silbe und oft stockend liest er die fremdartigen Bezeichnungen der Inhaltsstoffe seiner Medizin vor. 

Die Frau neben ihm nimmt ihn nicht wahr. Es scheint, sie folgt ihrem eigenen, wohl amüsanteren Film. 

In der mit müden und gestressten aber geduldigen Menschen gefüllten Straßenbahn höre ich eine Frau laut deklamieren: „Der hat gesagt, ich soll meine Zigaretten zählen. Der kann mich mal! So ein Kerl. Meine Zigaretten zählen!“ Sie steht auf und strebt weiter laut deklamierend an mir vorbei der Tür zu. Ihre Augen sind grau überschleiert, wie gebrochen.

Ein Mädchen bietet mir ihren Platz an.

Wieder zu Hause angekommen höre ich aus dem Radio, dass die ALDI-Brüder ihr Vermögen im letzten Jahr um 2 Milliarden Euro auf insgesamt 30 Milliarden Euro erhöht haben. 

In der grauen, alten Regenrinne draussen am Anbau im Garten sehe ich den Kopf einer großen, grauen Ringeltaube. Ich hätte ihn nicht wahrgenommen, wenn die Taube ihren Kopf nicht bewegt hätte und dass es eine Ringeltaube ist, konnte ich erst sehen, als sie sich streckte, die Flügel reckte und endlich in voller Größe auf dem Rand der Regenrinne zu stehen kam, um nach erst leerem Flügelschlagen die paar Meter runter in den Garten zu fliegen, wo sie eifrig pickend über Blätter, Ästchen und zwischen Grün dahin wackelt.

Über Richard Gleim

Richard Gleim Sternstr. 31 D-40479 Düsseldorf Fon: 049-2 11-169 7 169 Mobil: 01577-202 68 44 gleim@unitybox.de http://gnogongo.de http://www.artbookers.com/collections/ar-gee-gleim http://www.facebook.com/richard.gleim https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Gleim
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