Festplatten-Archäologie

Noch 180 Tage bis Jahresende
Sommer. Ich sitze auf dem Balkon. Sonne. Ein paar Wolken. Schwer zu sagen, von wo und wohin sie ziehen. Ich schlage das Buch auf, das seit Wochen auf dem Filmscanner seitlich vor mir wartete. Mir fallen 4 Visitenkarten entgegen, Lesezeichen. Lesezeichen, die nicht zu dem Buch noch zum mir passen. Visitenkarten von Arztpraxen. Die müssen von meinem Hausarzt stammen, der weitgehend auf teure Geräte und Maschinen verzichtet, einen stattdessen gerne von Arzt zu Arzt schickt, dafür aber unbekümmert Rezepte schreibt und der Pharmazie sehr zugeneigt zu sein scheint. Ja, ich leiste mir einen Hausarzt. Das ließ sich nicht vermeiden. 36 Jahre waren vergangen, seit ich das letzte Mal einen Arzt aufgesucht hatte. Dann aber waren die Schmerzen so unerträglich, dass ich mich mit letzter Kraft zu einem eben dem Arzt schleppte. Der hat mir auch geholfen und noch ein paar Wehwehchen entdeckt, deren Existenz mir nicht aufgefallen waren. Den Überweisungen an all die Spezialisten bin ich anfangs artig gefolgt. Doch dort ist es weder amüsant noch be kommt man dort etwas besonders Erhellendes mitgeteilt.. Man bekommt eine Diagnose, weiß somit, was laut Vorstellung klandestiner Kommissionen nicht dem Bild eines Gesunden entspricht. Was habe ich davon außer ich ließe das an mich ran und fühlte mich grundlos schlecht?
Die Übung spare ich mir jetzt. Meistens zumindest. Auch den Pillensegen empfinde ich wenig segensreich. Mein Blutdruck ist in Ordnung, keine Diabetes trotz Übergewicht und sterben müssen wir so wie so.

Hummeln haben meinen Balkon entdeckt und schlüpfen eifrig in den Schlund der Löwenmäulchen und wieder heraus. Nur eine von diesen hat entdeckt, dass auch die Buddleya süßen Nektar zu bieten hat. Schmetterlinge wissen das. Aber die gibt es hier so gut wie nicht. So eine baumlose Straßenflucht ist nicht der Ort für Schmetterlinge.

Die Samenmischung, die mir ein bunte Palette bienennährender Blumen versprach, erweist sich als wenig überzeugend. Heraus kamen die üblichen Verdächtigen, nämlich Kapuzinerkresse und Ringelblume. Auf den bunten Rest warte ich. Ich schätze, auf einige vergebens. Doch die Kapuzinerkresse macht mir Spaß. Sie kommt mir entgegen. Während ansonsten alles, was meine Balkonkasten bevölkert, sich nach außen, dem Licht entgegen, wendet, neigt sich die Kresse nach innen über den steinernen Kastenrand. So sehe ich, wie kleine, leuchtend orangefarbene Blütenblätter noch zu einem Zipfel gedreht aus dem Grün der noch kleinen Knospen spitzen. Die anderen wenden sich alle der Straße und den Häusern gegenüber zu, als wollten sie dort wahrgenommen werden und prunken. Der Typ, der sie gepflanzt und gesät hat und wenn nötig gießt, ist ihnen egal. Die haben einen Vertrag mit der dummen Sonne, die nichts anderes kann als Kernschmelze und der Gravitation, die ihnen zeigt so oben und unten ist. Haptische und nastische Bewegungen sind den Einwohnern meines Kastens fremd. Da warte ich auf die Tomaten, die ich eine Scheibe kleiner Naschtomaten in der kalten Jahreszeit in die Erde gebracht habender Weise ausgesät habe. Ich bin gespannt, was daraus wird.
Die Sonne wird immer mal von Wolken daran gehindert, ihre wohltuende Wärme und andere Bestandteile ihres Spektrums üppiger Strahlendosis über mich zu ergießen.
Donnergrollen aber kein Blitz.
Es regnet. Recht heftig sogar. Eine sommerlich leicht bekleidete Frau geht mit einem Gesichtsausdruck, der besagt: „So ist es nun mal“ von keinem Schirm geschützt, dafür schicksalhaft durchnässt über den gegenüberliegenden Bürgersteig. Eine Bahn kommt von einem Wasserfilm auf den Schienen getragen wie auf Samtpfoten daher. Ansonsten nur das anrührende Plätschern des Regens.
An sich reicht es dem Rhein bei Düsseldorf, wenn es in Köln regnet und die leverkusischen Einmischungen verdünnt. Doch die Pflanzen zu Lande wollen auch ihren Anteil. So weit stimmt das Alles.

Aus dem Drucker wachsen großformatige Bilder. Das ist sehr gut und schön und angenehm. Ein paar Mails erzählen mir, dass die Welt sich stoisch weiterdreht und n Lima der Himmel bewölkt ist und gerade mal 17°C herrschen.

Ich gebe kurz bevor alles fertig gegart ist, noch feingeschnittene Frühlingszwiebeln und gehackten Ingwer über die Zwiebel-Champignon-Spinatmischung, die für die Tagliatelle, die in einem anderen Topf al dente kochen, gedacht ist.

Bisher hat mir niemand reingeredet. Das ist auch gut so. Doch die Pasta teilte ich jetzt gerne mit jemandem bei einem Glas Rotwein und den Abend verstrickte ich gerne in ein anregendes, weniger subjektives Gespräch. Doch da ist niemand. Wie auch? Wer wüsste denn, wann es mir Pascha recht wäre. Und Verabredungen haben so was Verpflichtendes. Außerdem. Wie sieht es mal wieder bei mir aus!
Ich lebe und das ist doch was. Und die Hummeln und die Kapuzinerkresse auch.

Über Richard Gleim

Richard Gleim Sternstr. 31 D-40479 Düsseldorf Fon: 049-2 11-169 7 169 Mobil: 01577-202 68 44 gleim@unitybox.de http://gnogongo.de http://www.artbookers.com/collections/ar-gee-gleim http://www.facebook.com/richard.gleim https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Gleim
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