Festplattenarchäologie (Fundjahr 2003)

Dass man eine Sache so oder so sehen kann, das hatten wir hier im Beutel ja schon des öfteren abgehandelt.

Auffallend ist, dass – ich nehme an – eine Mehrheit Eindeutigkeit will und sich nicht an changierenden Vielfältigkeiten zu delektieren vermag. Das ist sicher bedauerlich. Dieses finde wir jedoch überall. Ein Teil der Medien ist krampfhaft bemüht, komplexe Zusammenhänge so darzustellen, als seien diese eindimensional und machen so nicht selten Stimmung. Da werden dann verschiedene Sichtweisen auf eine Sache gegeneinander ausgespielt und als falsch oder als richtig promotet.

Hier noch ein Beispiel für die Macht der Eindeutigkeit. Es war vor Jahren, Karnevalszeit. In der Sendung ‚Mainz, wie es lacht‘, oder wie die heißt, wird der Titel ‚Humba, humba, tätera‘ angestimmt. Das Volk gröhlt mit, das Volk stand auf und gröhlt mit, das Volk überstimmt  Musik und Sänger und dann auch den Präsidenten, der ebenso verzweifelt wie vergebens versuchte, dem inzwischen frenetischen Gesang zu stoppen. ‚Humba, humba tätera‘ skandierte das inzwischen in eine Art Trance verfallene Publikum. Das hielt an und an. Ich machte mich auf in die Altstadt. Schon im Bus sangen die Leute ‚Humba, humba tätera‘ Und dann auf der überfüllten Bolkerstraße angekommen erlebte ich eine völlig weggetretene Masse von Menschen, die nur eines konnte und wollte ‚Huma, humba täterä‘ Die ganze Altstadt, sämtliche Gassen, alle Kneipen, mehr als ein Quadratkilometer geballte Menschenmassen sang unisono ‚Humba, humba tätera‘ Das war alles andere als rational. Keiner von diesen Sängern hätte an sich so lange, so laut singen können. Da war etwas hinzu gekommen, was ich hier mal als Psychose bezeichnen will.

Wir kennen das als Ritus in den verschiedensten Religionen. Oft wird solches durch die (von Wissenden verabreichte) von Drogen begleitet. Die in unserer Gegend häufigst eingenommene und normalerweise zu kontrollierende Droge ist Alkohol. Ich habe mir das Phänomen noch eine Weile interessiert angesehen. Da waren viele, viele, die sich alleine oder in einem kleinen Kreis niemals zu so etwas hinreißen ließen. Ich bin dann geflohen, habe auch den Fernseher nicht mehr angemacht. Ich war äußerst beeindruckt von dem, was ich da mitbekommen habe.

Kann man von einer psychotischen Wirkung der Eindeutigkeit sprechen? Sicher nicht so ohne Weiteres. Und doch hat diese Eindeutigkeit ihre Faszination, ihre Wirkung, und das kann nicht nur daran liegen, dass sie das Denken erspart.

Wer sich der Eindeutigkeit hingibt, verpasst etwas Wesentliches, das faszinierende Spiel der Mehrdeutigkeit, das Schillern der Ölspur auf der Wasserpfütze. Auf diese Wirkung der Eindeutigkeit zielt das Gros der Unterhaltungsindustrie und auch der Politik. Hier wird durchaus bewusst der Spaß an der Vielfalt und daraus resultierende Freude am Dasein zugunsten von etwas, was sich besser steuern und unter das erst einmal schon eine große Zahl Konsumenten subsummieren lässt,  ausgeblendet. Da dieser Einfluss im Kindesalter einsetzt, hat das tiefgreifenden, prägenden Einfluss.

Nun ja, das geht jetzt über Deine Frage hinaus.  Immer wieder: Bildung, Bildung, Bildung.

Ach ja, einige Tage nach diesem Ereignis, sah ich Bilder im Fernsehen vom Roten Platz in Peking. Was intonierte die Militärmarschkapelle dort. Die Melodie von Humba, humba täterä, jetzt mit chinesichen Kampftext. Militärmärsche haben ja bewusst den gleichen Sinn und Effekt. „Eeericaa“ Hallelujah.

Über Richard Gleim

Richard Gleim Sternstr. 31 D-40479 Düsseldorf Fon: 049-2 11-169 7 169 Mobil: 01577-202 68 44 gleim@unitybox.de http://gnogongo.de http://www.artbookers.com/collections/ar-gee-gleim http://www.facebook.com/richard.gleim https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Gleim
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