Geschichte wird gemacht

j.h.
TOP 500 REZENSENT VINE-PRODUKTTESTER
5,0 von 5 SternenGESCHICHTE WIRD GEMACHT. DEUTSCHER UNDERGROUND IN DEN ACHTZIGERN–Rückblick auf eine vergessene Szene
4. März 2019
Der Punk trat in den späten 1970er Jahren die Nachfolge der Hippies an, die ab den späten 1960ern für eine musikalische Aufbruch-Stimmung sorgten, welche auch in den politischen Bereich übergriff und eine weitgehende Liberalisierung nach sich zog. Wieder einmal kam der Trend aus England, wo anarchische Punk-Bands wie die Sex Pistols für Skandale sorgten. „In Düsseldorf gab es diesen Dorfbrunnen, diese Tränke, wo alle Szenen zusammenkamen, wo die Zebras tranken und die Löwen und die Flamingos: der Ratinger Hof. In Hamburg dagegen hatte jeder sein eigenes Wasserloch, und in Berlin gab es ganz komische Tiere, von Wasserstellen einmal abgesehen.“ (Xao Seffcheque – in DAS ZICK-ZACK-PRINZIP, S. 172) Dieses ebenso treffende wie originelle Zeitzeugen-Zitat verdeutlicht, wie wenig homogen die alternative Musikszene im Deutschland der 1980er Jahre war.

Das von Xao Seffcheque und Edmund Labonté herausgegebene Buch blickt zurück auf die frühe „Neue Deutsche Welle“ vor deren poppiger Kommerzialisierung. Im Zentrum stehen rund 200 Schwarzweiß-Fotos, mit denen ar/gee gleim (aka Richard Gleim, *1941) die Entwicklung vor allem der Düsseldorfer Punk-Szene dokumentierte. Und so steht der bereits oben erwähnte Ratinger Hof als Epizentrum stets im Mittelpunkt. Neben einigen kurzen persönlichen Erinnerungen von ar/gee gleim an die Hintergründe bestimmter Fotos ergänzen 15 Essays von Musikern, Journalisten und Autoren den lebendigen Rückblick auf eine Ära des Aufbruchs, in der im künstlerischen Bereich etwas mehr Freiheit möglich war als in der von Regulierungen geprägten heutigen Zeit. „Es war wie bei einem Vulkanausbruch in der Arktis: Alles war gleichzeitig da, Glut und Eis, eine Menge Lärm und alles reagierte blitzartig aufeinander. Punk war das Brennende an der Bewegung, die Neue Welle, der kühle, elegante Rand. … Und ar/gee gleim war da. Richard war kein Punk, aber er gehörte von Anfang an dazu. Er war sein eigener Mensch und offenbar perfekt dafür gemacht, sich auf erstaunlich freundliche Weise den Respekt ganzer Lokale voller Kids zu verschaffen, die aussahen, als würde sogar das Alien vor ihnen einen Schreck kriegen. Punks, Waver, jede Menge unkategorisierbarer Individuen. Richard fotografierte sie alle. Er rettete die Zeit.“ (Peter Glaser, S. 26 f.)

Das in der HEYNE-HARDCORE-Reihe erschienene großformatige Buch präsentiert im Anhang Farbfotos von den Autoren aus den 1980er Jahren sowie Kurzbiografien. Die beiliegende CD dokumentiert sieben prägende Songs jener Zeit: „Anneliese Schmidt“ (Die Ärzte, 1983), „Stein des Anstoßes“ (Family*5, 1984), „Kinder der Tod“ (Palais Schaumburg, 1981), „Demokratie“ (Andreas Dorau, 1988), „Sexueller Notstand“ (Östro 430, 1981), „Da vorne steht ne Ampel“ (Der Plan, 1980) und „Metall“ (The Wirtschaftswunder, 1982).

Ein ebenso lebendiger wie spannender Rückblick auf eine fast vergessene Szene – vor allem für jene, die die Zeit bewusst erlebt haben und mit persönlichen Erinnerungen verknüpfen können!

Über Richard Gleim

Richard Gleim Sternstr. 31 D-40479 Düsseldorf Fon: 049-2 11-169 7 169 Mobil: 01577-202 68 44 gleim@unitybox.de http://gnogongo.de http://www.artbookers.com/collections/ar-gee-gleim http://www.facebook.com/richard.gleim https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Gleim
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