Hindemith, Eisstadion, Zoopark

(Ausschnitt aus meiner Erzählung: ‚Mein Jazz der 50er Jahre’ Juni 2005)
Jahre später, der NWDR (Nordwestdeutscher Rundfunk) hatte längst eine eigene Jazzsendung moderiert von Olaf Hudtwalker, Joachim Ernst Berendt eine Sendung – ich meine – im Südwestdeutschen Rundfunk. Sein erstes Buch ‚Das Jazzbuch‘ war im Fischer Taschenbuchverlag erschienen und zur Bibel der Jazzinteressierten geworden, wanderte ich, nachdem ich abends in der Schule bei einem Hindemith-Konzert für Flöte, Oboe und Klarinette mit Kammerorchester mitgewirkt hatte, noch eben ins Eisstadion. Mal sehen, wer da ist. Das Eisstadion war zur Winterzeit Treffpunkt vergleichbar mit einer Disko heute. Nur täglich, also nicht auf das Wochenende beschränkt. Ich war Besitzer einer Dauerkarte und hatte mir längst abgewöhnt, Schlittschuhe unterzuschnüren und albern im Kreis zu laufen, ging es doch darum, Leute zu treffen und da vor allem Mädchen. Auf der Eisfläche konnte man doch gar nicht mit denen quatschen. Dafür ging man in das Eisstadion-Café oder in den Zoo-Park. Sollten andere weiter Ihre Kreise ziehen.

Bald saß ich mit so einer Schönen auf einer Parkbank im stillen, leeren, stockdunklen Zoopark. Ich schätze mal, sie war mitgekommen, weil sie neugierig war, was ich da in diesem merkwürdigen, schwarzen Köfferchen mit mir rumtrug. Sie wollte es unbedingt wissen. Ich sagte ihr, dass es Klarinetten seien und dass ich gerade Hindemith gespielt hätte. Schließlich musste ich so ein Instrument auspacken und sie bewunderte die vielen, wundersamen silbernen Klappen, Griffe und Gestänge. Schließlich bat sie mich, ihr etwas vorzuspielen. Ich zierte mich. Was sollte ich ihr vorspielen? Ne, das wollte ich nicht. Aber schließlich musste ich doch. Ich spielte ein paar Töne, die ich von einer Gerry Mulligan-Platte meines großen Bruders aufgeschnappt hatte und schließlich phantasierte ich etwas.
Damals hinterfragte ich das nicht. Mit 14 ist man mit allem einig, was einem Bedeutung verschafft und sei es ein schwarzes Köfferchen. Heute erkennt man diese lächerlichen Kapriziositäten. Und wenn sie einem unterlaufen, lächelt man. Man kennt sich.

Über Richard Gleim

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