Ich steige die drei Stufen

Ich steige die drei Stufen hoch in den Anhänger einer jener alten Straßenbahnwagen, wie sie Ende der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts ‚modern‘ waren. Die zweite Nachkriegsgeneration von Straßenbahnen in dieser Stadt und die erste mit automatischen Türen und die erste, in welchen es keine Schaffner mehr gab, bei denen man den Fahrschein löste und der mit einem Klingel- und Lichtzeichen dem Fahrer vorne im Triebwagen bedeutete, dass die Türen geschlossen sind und die Fahrt wieder aufgenommen werden kann. „Fahrscheine beim Fahrer“ stand es in schwarzer Schrift in kleine, weiße Plastikschilder gefräst. Hier im Rheinland fehlte das Ausrufungszeichen hinter dem Hinweis, das Ausrufungszeichen, welches in preußischeren Ländern Deutschlands selbstverständlich seinen verdeutlichenden und korrekten Platz gefunden hätte. 

Ich ging an einem älteren Ehepaar, welches allerdings das Pensionsalter noch nicht erreicht hatte und in Fahrtrichtung jener in diesen alten Bahnen üblichen, sich gegenüber stehenden Bankreihen saß, vorbei. Auf der Bank gegenüber ein Mädchen von vielleicht 12 – 13 Jahren. Sie unterhielten sich. Es war die Sprache eines besonderen Augenblicks. Ich merkte, dass dieses Paar und ihr Gegenüber keinen täglichen Umgang miteinander hatten. Dazu war die Aufmerksamkeit viel zu hoch. Ich hatte auf einem der in diesen alten, klapprigen, schlecht beheizten Bahnen noch üblichen Einzelsitzen Platz genommen und entschieden, dass das Mädchen die Enkelin des Paares ist.

Frierend in sich geduckte Menschen eilten an teils frisch gestrichenen aber auch grauen und blätternden Fassaden, an Ladenschildern, deren Farben teils verblasst waren, deren einst werbende oder wenigstens die Art des Geschäfts kennzeichnende Schrift von grauen, amorphen, fleckigen Streifen patiniert sind und schmutzig wirkten, aber auch an blank leuchtenden Neonreklamen, welche den mittäglichen Wintertag trotz Sonnenscheins zu erhellen trachteten, auf den gepflasterten Bürgersteigen auf beiden Seiten der Straße entlang. Die Temperatur unterhalb des Gefrierpunkts erkannte ich mangels gefrorener Pfützen, die es deshalb nicht gab, weil es lange nicht mehr geregnet hatte, am Nageln frisch gestarteter Dieselmotoren glänzend gepflegte  Mittelklasselimousinen, welches stark an jenes laute, knackende Motorgeräusch von Traktoren aus der Adenauer-Ära erinnert, während diese Motoren bei höheren Temperaturen  heutzutage kaum lauter sind als entsprechende Benzinmotoren.

Das blonde Mädel gegenüber dem älteren Ehepaar schräg hinter mir auf der anderen Seite des schlecht beheizten, klappernden Wagons erzählte, dass sie sich in der Schule besondere Mühe gäbe und gute Noten mit nach Hause bringen wolle. Für die letzte Mathearbeit habe sie eine 2 bekommen. Wenn sie gut in der Schule sei, dann dürfe sie sich von ihren Eltern etwas Besonderes wünschen. Zum Geburtstag wünsche sie sich ein Bauchnabelpiercing. Die Dame schräg hinter mir verzog keine Miene, kein bisschen, wie ich mich leicht zur Seite wendend feststellen konnte.  

Rumpelnd und quietschend hält die Bahn an einer Haltestelle in der Nähe einer Schule. Eine Horde, kleiner, aber gewaltig kreischender Mädchen, dem Stadium des Rotzlöffels gerade entwachsen, da sie sich schon selbst die Nase putzen können, ausschließlich Mädchen, Mädchen mit struppigen, strähnigen Haaren, Mädchen, die eingewamst in Schals und wattierte Jacken fast kugelförmig daherkamen – nur behoste, kurze Beinstümpfe wirbelten die Knäuels in und durch den Anhänger – stürmte Flüche und Zoten ausstoßend die Bahn. Die Lautstärke erreichte die Amplitude von Presslufthämmern, als gälte es, sich mittels der Schallrefexion an den einen lärmenden Schulhof umgebenden Hauswänden  mitzuteilen. „Wichser, Arschficker, Schwanzlutscher, Spritzer, Pisser“ und noch mehr prahlten die kleinen Gören alle Worte mit männlicher Endung nutzend, wobei „Arschficker“ der Favorit zu sein schien, während mir der Begriff „schwule Titte“ besonders auffiel. Ich hörte noch, wie sich der Dame schräg hinter mir ein leises, wie zu sich selbst gesagtes aber doch deutlich vernehmbares „Oh Gott“ entrang. Ich imaginierte, wie ihr weiße Flügel wuchsen, welche sie schützend über ihre blonde, von Bauchnabelpiercing träumende Enkelin breitete. Ich stieg aus. Der Begriff „Ratten“ machte sich in meinem Hirn breit. „Kanalratten“, Tiere, die uns erschrecken, mögen sie noch so wohl organisiert sein und lediglich ihr Leben an den Ufern lustig gurgelnder Bäche mit dem in der städtischen Kanalisation getauscht haben. C’est ça. Ich erinnerte mich auch, wie wir uns in diesem Alter bewusst an den damals häufigen Baustellen neuer Miethäuser aufhielten und dies gezielt, weil es dort neue, besonders unflätige Schimpfworte aufzuschnappen galt. Wir sammelten Schimpfworte, dreckige Ausdrücke, wie wir das nannten. „Umgekrempeltes Fasanenarschloch“  habe ich bis heute nicht vergessen.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.