Mein Freund Wolf

Ich hatte mal einen Freund. Er war viel größer und stärker als ich. Er hatte eine ganz tiefe, grollende Stimme und graue, etwas kalte Augen. Alle fürchteten ihn, den gefährlichen Wolfsspitz. Sein Fell war dick, dicht, wollig weich und von jenem vollen Grau, wie es ein Wolfsspitz nun mal hat. 

Er passte auf und bemerkte jeden, der sich dem Bauernhof näherte, identifizierte ihn als Freund oder Feind, ließ die einen auf den Hof und die anderen nicht. Es gab kein Vorbeikommen, wenn Wolf, wie er genannt wurde, es nicht wollte. 

Auf mich hatte er ein besonderes Auge und schützte mich, wo er konnte und half mir aus so mancher unangenehmen Situation, sei es, dass ich aus einem Teich gezogen werden musste, es galt, aufgebrachte Sauen davon abzuhalten, mich zu überrennen, oder den schrecklichen, immer schwarz gekleideten Schweizer vom Nachbarhof, der aus Russland stammte, zu verjagen, wenn er mal wieder volltrunken sein großes, silbern glänzendes Messer schwang und „Ich Dir Ohren abschneiden!“ rufend, hinter mir her stolperte, so dass ich um mein Leben rennen musste und vor lauter Angst auch mitten in den Pferdemisthaufen springen musste, um nur einige Fälle zu nennen. Den Schweizer hat er sogar einmal kräftig, sehr kräftig ins Bein gebissen. 

Jeder auf dem Hof fürchtete den großen, starken Hund, der als wild und schwer einzuschätzen galt. Man wunderte sich, dass ich so ein Vertrauen zu ihm gefunden hatte und es für mich offensichtlich nicht gefährlich war, ihm fest ins Fell zu greifen. Ein paar mal habe ich sogar auf ihm geritten. Als das einer vom Hof gesehen hatte, ging ein Raunen durch den ganzen Hof, von den Knechten zu den Mägden, von den Mägden zur Bauersfrau und endlich bis zum Bauern, der es nicht glauben wollte und diese Geschichte für eine Erfindung hielt, bis er mich aufforderte, ihm dieses Kunststück zu zeigen, dem ich, es als Wunsch begreifend, gerne nachkam, wodurch ich in der Achtung des Bauern enorm gewonnen hatte. 

Doch eines Tages gab es Wolf nicht mehr. Es ging das Gerücht, die Polen, die selben, die die großen Tabakpflanzen am Bahndamm anbauten, die gilbenden Blätter ernteten, fermentierten, zum Trocknen aufhängten und dann mit einer Brotschneidemaschine fein geschnitten in kleinen Pfeifen rauchten, hätten Wolf getötet und aufgegessen. 

Nie hat man ein Haar oder einen Knochen von Wolf gefunden. Er war einfach nicht mehr da und ich war ganz auf mich selbst angewiesen. Was ich nicht wusste aber erstaunt feststellte: Wolf hatte mir beigebracht, wie man den für mich teilweise gefährlichen Tieren auf dem Hof, den Schweinen, den anderen Hunden, den streitbaren Gänsen, den schwarzen und leicht erregten Truthähnen begegnen musste, ohne von ihnen angegriffen zu werden sondern diese eher vor mir zurückwichen und wem ich wie besser aus dem Weg ging, ohne das Gesicht zu verlieren. Ich war stolz auf mich und auf Wolf, obwohl er nicht sichtbar zugegen war. Ich war auch größer und stärker geworden und nicht mehr 4 Jahre alt sondern fast schon 5.

Über Richard Gleim

Richard Gleim Sternstr. 31 D-40479 Düsseldorf Fon: 049-2 11-169 7 169 Mobil: 01577-202 68 44 gleim@unitybox.de http://gnogongo.de http://www.artbookers.com/collections/ar-gee-gleim http://www.facebook.com/richard.gleim https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Gleim
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