Müllosophie

Ein älterer Mann, beige Hose, weißes Piqué-Polohemd, hellbraune Schuhe, eine lederne, braune Einkaufstüte mit langen Griffen, so dass man sie auch über die Schulter gehängt tragen kann, schreitet auf die Haltestelle zu. Abrupt im Winkel von 90° sich wendend macht er einen Schritt runter auf die Gleise, überquert diese, bückt sich tief, um unter einem Drahtzaun eine blaue, silbern und golden bedruckte, tütenförmige Verpackung aus den Drähten des Zauns zu befreien und sie dann zwischen zwei Fingern zurück über die Gleise der Haltestelle entgegen zu tragen.

Sein Weg führt ihn an zwei Wartehäuschen, etwa vierzig wartenden Menschen, einer Bank und drei Blumenkübeln vorbei auf einen Abfallkorb zu. Dieser Abfallkorb, man sieht es von weitem, ist nicht nur bis oben hin gefüllt sondern überfüllt. Über den oberen Rand des Behälters hinaus quillt der Abfall. Man erkennt Flaschen, die aus dem übrigen Müll herausragen und etliches mehr an Verpackungen unbestimmter Art. 

Der ältere Herr, beige Hose mit Bügelfalte, weißem Piqué-Polohemd, hellbraunen Schuhen, einer ledernen Einkaufstüte mit langen Griffen und grau-weißem Haar erreicht das an einem Mast hängende Abfallbehältnis und zögert keinen Moment, nimmt sich mit sicherem Griff zwei Plastikbecher, schmeißt sie zu Boden und manipuliert seine bisher zwischen zwei Fingern getragene Plastikverpackung, die sich weit weg in einem Drahtzaun verheddert hatte, in die entstandene Lücke und drückt noch ein paar Mal kräftig nach. 

Er wendet sich jetzt nicht ab. Es sieht aus, als bewundere er sein Werk. Doch da täuscht sich der Zuschauer. Sein weiteres Handeln nach einer längeren Pause beweist, dass er die Sachlage analysiert hat. Mit sicherem Griff nimmt er eine Flasche in die eine Hand, setzt den ledernen Beutel ab, und greift mit der anderen Hand kräftig rein in den Abfall und fördert drei Verpackungen aus dem Schlund des Abfallbehälters, ordnet die Flasche neu zwischen den verbleibenden Müll und findet auch Lücken, die Verpackungen aus der anderen Hand gezielt in offensichtlich vorhandene Lücken zu drücken.

Jetzt bückt er sich, um die zwei Plastikbecher, die er anfangs auf den Boden geworfen hat, aufzuheben und nach längerem forschendem Blick dann doch noch in dem Müllturm über dem Rand des Abfallbehälters unterzubringen.

Er schaut sich das an, berührt mit einem Finger noch diese oder jene etwas zu keck aus dem Turmbau herausragende Verpackung und scheint gemäßigt zufrieden. Die steilen Falten über seiner Nasenwurzel scheinen sich etwas zu entspannen. Er nimmt sich seinen ledernen Einkaufsbeutel und vollendet zu drei Vierteln einen Kreis um das Werk, betrachtet dieses aus einem anderen Winkel, entdeckt, dass dort ein Deckel ist, der auf einen Plastikbecher passt, zieht diesen aus der fest gestopften Masse Abfall und manipuliert ihn auf den möglicherweise dazu gehörigen Becher, wobei er darauf achtet, dass der Plastikstrohhalm aus dem Becher nachher leicht schräg aus dem Deckel schaut.

Die Bahn kommt. Ich sehe ihn, wie er sehr spät herangeeilt kommt, und seine lederne Einkaufstüte in den unsichtbaren Strahl der Lichtschranke der Straßenbahntür hält und wartet bis die Türen sich schließen, was er bei dieser Tür durch sein kluges Verhalten verhindert hat, steigt mit einem Hauch zufriedenen Lächelns in die Bahn und hält sich dort an einer der senkecht angebrachten Haltestangen fest . Die Tür schießt sich. Die Bahn fährt ab. 

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