Nicht gerade lässig

Wenn bei uns – nicht nur an Feiertagen – zu Tisch gebeten wurde, lag die weiße, gebügelte und gestärkte schwere Tischdecke auf dem großen Tisch, den man dank zweier Platten, die unter der normalen Tischplatte verborgen waren, mit zwei Handgriffen auf die doppelte Länge ausziehen konnte. Das silberne Geschirr, lag soweit als notwendig erachtet auf silbernen Messerbänkchen, die Servietten waren gewaschen gebügelt und gestärkt. Die Weingläser standen glänzend und schlierenfrei an ihrem Platz. Für den großen Suppentopf, der zuerst auf den Tisch getragen wurde, gab es eine Ablage von der selben Porzellanfirma, welche die Suppenterrine und das übrige Geschirr hergestellt hatte. Mal gab es das mit Dekor, manchmal in schlichtem Weiß. Das gleiche gilt für die Saussiere, die Fleischplatte und die übrigen Porzellane bis hin zum Nachtisch in ebensolchen Schälchen, zu dem dann kleine Teller gedeckt wurden.
Mutter und Töchter waren zusätzlich, dass sie ebenso wie alle Anderen am Mahl teilnahmen, damit beschäftigt, all die Schalen Teller und Gläser her- und wieder weg zu tragen. In der Küche stapelte sich dann mit Essensresten versehenes Geschirr, das gespült werden musste. Das Silber musste geputzt werden. Später kamen da noch die Tischdecke und die Servietten hinzu, die gewaschen, gestärkt und gebügelt werden mussten.
Aber soweit sind wir noch gar nicht, denn ein weiterer, das Mahl einleitender Ritus darf nicht unerwähnt bleiben. Das Ganze fand im Esszimmer weitab von der Küche statt, die über den Empfangsraum hinter der Wohnungstür und einen langen Gang zu erreichen war. Der Tisch war gedeckt und aus der Terrine dampfte die Suppe. Hinter den auf den Zentimeter genau in einer Linie ausgerichteten Stühlen mussten wir uns alle 7 einschließlich Mutter und Töchter gerade hinstellen und durften uns erst setzen, wenn Vater sich auf den Stuhl am Kopfende gesetzt hatte und das Zeichen zum Setzen gegeben hatte.
Wen wundert es, dass ich Punk, sorry, Jazzer wurde und mit 15 lieber auf der Bühne stand, auch schon mal nachts nicht zu Hause erschien, die Disziplin fordernde Schule meinem Vater gleichsetzte und dem Ganzen zu entfliehen versuchte?

Über Richard Gleim

Richard Gleim Sternstr. 31 D-40479 Düsseldorf Fon: 049-2 11-169 7 169 Mobil: 01577-202 68 44 gleim@unitybox.de http://gnogongo.de http://www.artbookers.com/collections/ar-gee-gleim http://www.facebook.com/richard.gleim https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Gleim
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