Noch mal am Rhein

Was ich vor ein paar Tagen in dem vertrockneten Flussbett sah, war so spannend, dass ich gestern noch einmal dorthin bin. Inzwischen ist der Wasserstand ein wenig weiter zurückgegangen. Die gelbe Tonne liegt jetzt fast auf dem Trockenen.

Tonne trocken

Heute geht es vor allem um Pflanzen, die sich in dieser zeitweiligen Situation entwickeln und entwickelt haben. Egal, welcher Wasserstand herrscht. Das Wesentliche ist der Wechsel der Wasserstände bis hin zum Trockenliegen wie jetzt. Es handelt sich also um eine Grenzsituation.

Die Samen der dort existierenden Pflanzen können angeweht, von Tieren und dort auch von Vögeln herangeschleppt oder aber vom Strom selbst dorthin getragen worden sein. 

Es handelt sich um Allerweltspflanzen, für Überschwemmungsgebiete übliche Pflanzen und solche, die man hier nicht vermutet.

Dass sich die Silberweide jede mögliche Stelle erobert, dürfte nicht weiter wundern. Sie gehört hier her und verträgt totale Überflutungen. Diese jungen Silberweiden (Salix alba – Salicaceae) stehen auf einem Kiesstreifen, der bei normalem Wasserstrand eine schmale Insel am Rand des Stroms bildet aber immer wieder vom Wasser überspült wird. Am Meer würde man von einer Sandbank sprechen.                                      

junge Weiden im Rheinbett

Eben schwamm sie noch auf dem Rhein. Jetzt kommt sie direkt auf mich zugewatschelt. Sie ist kein bisschen ängstlich. Enten zu füttern, scheint hier also üblich zu sein, so dass es von den Enten eingefordert wird.

Ente 1

Schnell merkte sie, dass bei mir nichts zu holen ist und watschelte wieder von dannen, flog kurz auf und landete schließlich im Wasser.

Ente4

Die Schiffe fahren mit halber Last, um den Tiefgang zu verringern und so bei dem niedrigen Wasserstand nicht auf Grund zu laufen. Die Schiffer freut das nicht.

Schubeinheit

Es lässt sich schwer bestimmen, ob diese Rasierklinge nun aus Sheffield oder aus Solingen stammt. Immerhin kann man erkennen, dass das jetzt seit einiger Zeit trocken liegende Bett Vater Rheins von Insignien der ihn begleitenden Zivilisation erobert wird. Wie man sieht, kann das mit einiger Schärfe geschehen. Wer weiß, ob die Fische, welche später hier vorbeikommen, zu schätzen wissen, dass es sich hier um rostfreien Stahl handelt.

Rasierklinge 

Diese Pflanze sieht Weiden ähnlich aus, ist aber alles andere als eine Weide.

Weidenähnlich

So sieht der Fruchtstand dieser Weiden ähnlichen Pflanze aus

Weidenähnlich Fruchtstand 

Und so rot können die Blätter eines fruchtenden Zweiges sein

weidenähnlich rot

Die minzeartige aussehende Pflanze ist keine Seltenheit. Ich bin ihr schon oft begegnet. Aber ich weiß dennoch nicht, wie man sie nennt.

 minzeartig

Auf dem durch tiefe Trockenrisse segmentierten Schlamm des oft romantisch verklärten Stroms finden sich nicht nur Glasscherben und Rasierklingen. Hier verliert auch schon mal eine Taube eine Schwungfeder. Es sind fast immer Taubenfedern und nicht die von Möwen und Krähen, zwei Vogelarten, die hier ebenfalls häufig sind.  Deshalb gehe ich davon aus, dass diese Tauben Opfer irgendwelcher Räuber geworden sind, seien es nun Greifvögel oder Marder oder sonstige sich am Blut delektierende Mitbewohner.

Taubenfeder 

Selbst ein Gänseblümchen ist so keck, den rissigen Grund des großen Stroms zu besiedeln. Dem wird das nächste Hochwasser allerdings ein Ende bereiten. Doch so lange blüht es einfach. Was höre ich da? „Er liebt mich, er liebt mich nicht, er liebt mich, er liebt mich nicht …..“ so oft, wie das Gänseblümchen Blütenblätter hat.

Gänseblümchen 

Diese Pflanze könnte man fast für einen Löwenzahn halten. Der ist es jedoch nicht. Was es ist, weiß ich nicht.

Löwenzahn ähnlich 

Jetzt aber erst einmal wieder etwas Vertrautes, ein Spitzwegerich.

Spitzwegerich

und wieder ein Blick aufs Wasser und ein paar Steine im Strom

Steine im Strom

Auch der Schwarze Nachtschatten (Solanum nigrum – Dolanaceae) wagt sich ns Geröll des Rheinufers.

Schwarzer Nachtschatten

Niederliegendes. Was das jetzt wieder sein mag? Ich weiß es nicht.

Nieder Liegendes 

Auch diese kleine gelb blühende Pflanze trotzt der Grenzsituation bis hier wieder Reiher im Wasser stehen und Gänse gründeln. Außer dass sie den Asteraceen zuzuordnen ist, kann ich über sie nichts aussagen.

Asteraceae 

Nun kommen wir zu einem Gesellen, von dem ich gerne wüsste, was das ist und wo er zu Haue ist. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er hier nicht heimisch ist  und dass seine Samen vom Strom bis hierher getragen wurden. Diese Pflanze wächst in einem Gürtel am Rand des normalen Wasserstandes, also dort, wo sich so Einiges, was der Strom herbei trägt, ablagert.

Ich habe eine der stacheligen Früchte abgebrochen, um festzustellen, ob dabei Milchsaft aus der Wunde austritt. Dabei habe ich mich an einem Finger leicht gestochen. Erst nach einer Weile begann der Stich leicht zu schmerzen und die Fingerkuppe schwoll ein wenig an. Noch jetzt, 13 Stunden später, zeigt sich um die Einstichstelle eine leichte Rötung. Nichts Dramatisches. Aber so ganz ohne scheint diese Pflanze nicht zu sein. Milchsaft ist übrigens nicht ausgetreten.

Unbekannte Fruchtstand

So sieht das Laub der Unbekannten aus

Unbekannte Laub

Zwischendurch mal ein Blick auf die Gesamtsituation und das andere Ufer, die Altstadt mit Wolke.

Altstadt mit Wolke

Doch zurück zu unserer Unbekannten. So ist ihr Habitus. Die Pflanzen, die ich hier vorfand, waren 30 bis 50 cm hoch.

Unbekannte Habitus

Schon im Kies am Rand des normalen Wasserstandes wächst der Hartheuchel, eine Fabacee.

Hartheuchel 

In solch einer Grenzsituation darf das schmalblättrige Greiskraut, der aus Südafrika eingeschleppte invasive Neophyt, natürlich nicht fehlen. Ihn gibt es nun wirklich überall, wo andere Pflanzen es schwer haben.

schmalblättriges Greiskraut 

Jetzt noch eine alte Bekannte aus der Giftküche. Datura, der Stechapfel, bekannt spätesten seit der Zeit der Kräuterhexen und literarisiert von Castaneda.

Datura 

Kiesel und Schafsköttel

Schafsköttel

Jetzt fehlt nur noch ein salbungsvolles Schlusswort. Das gehört im Fernsehen doch an jedes Ende eines Naturfilmchens. Das kann ich auch. Also. Hier bitte:

Das waren lediglich gut hundert Schritte am Ufer des Rheins neben der Oberkasseler Brücke, also da, wo die Oberkasseler joggen, ihre Hunde ausführen und den ganzen Tag vom Fenster aus drauf gucken. Ich habe nur einen Bruchteil der dort vorkommenden Pflanzen im Bild festgehalten. Ich habe z.B. all die verschiedenen, ans Wasser angepassten Gräser und Binsen weggelassen. Und fünfhundert Meter weiter kann das schon wieder ganz anders aussehen. Doch wir versiegeln die Landschaft. Selbst in unseren Gärten sorgen wir für eine aberwitzige Ordnung und verbauen uns so die Chance, zu sehen und zu staunen. Jetzt komme ich auch noch zum Sinn des Lebens. Ja, diese nicht zu beantwortende und mörderische Frage. Kann es sein, dass wir da sind, um zu sehen und zu staunen? Das machte doch Sinn. Die Frage ist und bleibt natürlich eine überflüssige. Zu vermeiden, sich mit einer so überflüssigen Frage zu quälen, ist aber nicht nur klug sondern auch ganz leicht. Ich ersetze hier einfach das Wort ‚Sinn’ durch ‚Sinne’, eine Art ‚grünes’ Vermächtnis. Ach ja, die Grünen. Es war einmal…. Grüne Politik geht ganz anders und ist verdammt hart und ohne Versprechungen.

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1 Response to Noch mal am Rhein

  1. frau g sagt:

    Vielleicht kommen ja am nächsten Wochenende noch einmal 100 Schritte dazu. Wäre gespannt was Sie dort entdecken.

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