Rhein- Emscher-Express

Ich war früh. Trotzdem stand der Zug schon am Bahnsteig. Ein fast leerer Zug. Ich konnte mir also den Sitzplatz aussuchen. Ich setzte mich, spürte die langen Federwege des Polsters und hatte sofort das Gefühl ordentlich Halt, auch Seitenhalt, zu haben. Das obwohl es sich gar nicht um Schalensitze sondern um eine Bank handelte. Das raue Polstergewebe krallte sich geradezu in den Stoff meiner Hose. Seitliches Verrutschen war unmöglich.

Endlich ertönte ein Pfeifton, die Türen knallten zu und der Zug fuhr an. Graffiti und Bäume im Herbstschmuck zogen am Fenster vorbei. In Düsseldorf International Airport stiegen etliche Leute zu und in Duisburg wieder aus. Eine Frau reichte ihrem Mann eine Tafel Schokolade rüber, die er Stück für Stück in den Mund schob, dann noch mit der Zunge deutlich sichtbar Schokoladenreste im Mund und um den Mund herum aufspürte, wobei er die Augen geschlossen hielt und dies auch nach getaner Zungenarbeit nicht änderte. Der Gute war ob Verdauungsarbeit sanft entschlafen.

Die Zeit, die ein Ruhrpötter benötigt, sich eine Tafel Schokolade Stück für Stück und ohne Hast in den Mund zu schieben und kauend zu vertilgen, entsprach der Zeit, die der Zug in Duisburg Hbf herumstand.

Aber irgendwann hat selbst in Duisburg das Warten ein Ende und der Zug zuckelte in die hereinbrechende Dunkelheit. Die Entsprechung ‚Express’ hatte er bei mir schon verloren. In Oberhausen wiederholte sich die Warteorgie. Viele waren ausgestiegen, kaum jemand zugestiegen. Der Zug stand und stand. Immerhin wurde man ein wenig unterhalten. Das Nebengleis war nicht mehr. Stattdessen hat man dort statt Gleisen Leuchtröhren angebracht, die in einem Wechselspiel von Rötlich über Gelblich bis zu Grünlich segmentweise ihre Farbe veränderten.  Es wird sich wohl um Kunst handeln. Stand aber nicht dran.

Auch das war nach einer gefühlten Ewigkeit überstanden und das Wort Rhein des Rhein-Emscher-Expresses war jetzt abgeschüttelt. Es verblieb nur noch ‚Emscher’.  Ab hier brauchte man sich über mangelndes Entertainment nicht mehr zu beschweren. Der seitliche Ausschlag des Zuges hielt sich in Grenzen. Nur einmal, kurz hinter Castrop-Rauxel kam der Zug heftig ins Schwanken. Es gab eine derart heftige Gleisverschwenkung, dass man fürchten musste, dass der Zug von den Gleisen geholt würde, das allerdings bei einer Geschwindigkeit, die so langsam war, dass sich der Zug allmählich zur Seite gelegt hätte und schon fast schon zum Stillstand gekommen gewesen wäre, wenn er seitlich auf den Schotter geknallt wäre. Die Seitenausschläge waren es also nicht, die so unterhaltend waren. Zum Stillstand kam der Zug aber auch so. Mitten in der Pampa. Draußen kein Licht weit und breit. 

Es waren die vertikalen Turbulenzen, die eine Amplitude annahmen, die erklärte, wieso die Sitze derart lange Federwege und ein so tiefes Polster aufweisen. Die Fahrt wurde zu einer Reise, die den Eindruck vermittelte, dass es galt, jedes in sich zusammenfallende Flöz im Untergrund seismographisch abzubilden.

wenn die Flöze fliegen

Diese zu Stoßdämpfern ausgebildeten Sitze verhinderten nicht, dass alle Fahrgäste in einem sehr wechselreichen Rhythmus nach oben und wieder tief in die Polster geworfen wurden. Eine Gefahr für den Zug war dabei nicht zu erkennen. Der fuhr so langsam, dass nichts passieren konnte und auch die Achsen das aushalten würden. Nur die Räder schepperten, als würde einer permanent einen Deckel von einem Topf heben und sofort wieder auf den Topf knallen.

Jetzt erklärte eine Stimme aus dem Off, dass der Zug wegen Bauarbeiten heute nicht in Gelsenkirchen (sprich ‚Gelsenkiiiirchen’) halten könne. Man solle bis Wanne-Eikel fahren. Von dort aus gäbe es Möglichkeiten, Gelsenkirchen zu erreichen. Man solle auf die Lautsprecherdurchsagen achten. Niemand lachte. Durch den Gelsenkiiirchener Hauptbahnhof fuhr der Zug dann im Schritttempo. Man hatte also alle Zeit der Welt, sich den Bahnhof, an dem der Zug nicht hielt, anzusehen. Der in Neonlicht gehüllte Geisterbahnhof erinnerte mich an die Grenzstationen der ehemaligen DDR, die man passieren musste, um auf dem einzigen Zugang nach Berlin, der Transitstrecke, die DDR zu passieren.

In Herne (sprich Heeerne, mit ‚e’ nicht ‚ä’) stieg eine Rotte lärmender Kids zu, die aber schon bald wieder, nämlich in Castrop-Rauxel, den Zug verließen. Flöz um Flöz im Untergrund ging es weiter über Dortmund-Mengende bis zum Dortmunder Hauptbahnhof, wo der Zug endete und als Rhein-Ruhr-Express nach Düsseldorf angekündigt war.

Ich verließ den Bahnhof über den Nordausgang. Ein weiter Platz empfing mich. Leuchtreklamen eines Cine-Palasts, an dem man erkennen konnte, wie auf der obersten Etage des Gebäudes Menschen in stählerne Geräte eingespannt die Gliedmaßen bewegt bekamen.

Auf dem Platz sah und hörte man eine fransige Blondine mittleren Alters in einem betont kurzen Rock über einem ausgeprägten Hintern laut und von heftiger Gestikulation begleitet meist Unverständliches schreien. Was ich verstand, war: „Ich war auch aufm Gymnasium!“ und „Scheiß Ausländer!“, was die farbigen Mitmenschen, die mit mir zusammen im Wartehäuschen der Buslinie standen, sehr amüsierte. Die hatten gut lachen, waren sie doch nicht Flöz für Flöz von Düsseldorf nach Dortmund gereist.

Bei den Schnellen sind die Trassen in besserem Zustand, aber….

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